Darf man sich über den Tod Osama Bin Ladens freuen?

Lange war der Top-Terrorist ein Phantom. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center, der sich dieses Jahr zum zehnten mal jähren wird, war er der meist gesuchte Terrorist und die Hauptfigur des Terrorismus. Doch er konnte immer wieder erfolgreich untertauchen und war für die Supermacht USA nicht zu ergreifen. In der Nacht zum 2. Mai 2011 wurde er von einer amerikanischen Spezialeinheit in seinem pakistanischen Versteck erschossen. In Erinnerung wird nicht nur die Nachricht über seinen Tod bleiben, sondern auch die Bilder jubelnder und feiernder Amerikaner.

Es ist der Morgen des 26. Februar 1993 als in der Tiefgarage des World Trade Centers  eine Bombe gezündet wird und sechs Menschen in den Tod reißt. Über 1.000 werden verletzt. Es ist der erste islamische Terrorangriff auf amerikanischem Staatsgebiet. Es ist auch der Anschlag nach dem man in den westlichen Ländern zum ersten mal auf al-Qaida und die Rolle Osama Bin Ladens aufmerksam wird. Eine geheime Organisation in Afghanistan, die von einem saudischen Geschäftsmann finanziell unterstützt wird. Bin Laden sieht Amerika als den Hauptgegner der Organisation und plant weitere Attentate.

Nach den Terroranschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Daressalam und Nairobi, deren Urheberschaft der regionalen al-Qaida unter Führung Bin Ladens zur Last gelegt wurde und in deren Folge 224 Menschen starben und mehrere Tausend verletzt wurden, gilt er beim FBI als einer der meist gesuchten Terroristen der Welt.

Später wird das World Trade Center erneut zum Ziel eines terroristischen Anschlags ausgesucht, als am 11. September 2001 die verheerende Anschläge in New York ausgeführt werden. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme brannten sich nicht nur ins Gedächtnis der Amerikaner, sondern der ganzen Welt. Osama hatte das geschafft, was schon 1993 geplant war, die Türme zum Einsturz zu bringen. Aber nicht nur der Einsturz der Türme wurde ab diesem Zeitpunkt zum Sinnbild des Terrors, auch Osama Bin Laden selbst wurde zum Sinnbild des Terrors. Er wurde als Initiator und Kopf der Anschläge gehandelt. Er war der Staatsfeind Nr. 1.

Fortan wurde er gejagt, er sollte gefasst werden – Tod oder Lebendig. Aber George W. Bush hatte wenig Erfolg. Immer wieder tauchte er unter und man musste immer wieder berichten er sei knapp entwischt. Nach den ersten beiden heißen Jahren 2001 und 2002 wurde es immer ruhiger um den Terrorfürst. Es tauchten immer mal wieder Videobotschaften auf, aber ein Terroranschlag im Stile des 11. September blieb, zum Glück, aus. Genauso wenig konnte er gefasst werden.

Fast schon überraschend kam dann die Nachricht am 2. Mai 2011. Der Nachfolger des ehemaligen US-Präsidenten Bush, Barack Obama verkündet den Tod Osama Bin Ladens. Für Obama ist es auch ein innenpolitischer Sieg, oder sagen wir mal, ein wichtiger Schachzug gewesen. Obama galt oft als weich, manchmal sogar als Kommunist, wegen der Einführung der Sozialversicherung. Ihm wurde vorgeworfen nicht durchgreifen zu können. Doch jetzt hat er es ihnen beweisen können. Er ist doch einer, der durchgreifen kann. Er hat den Befehl gegeben. Er hat den Terrorfürst zur Strecke gebracht.

Danach wurden Bilder vor dem Weißen Haus, dem Ground Zero in New York und an anderen Orten in den USA gezeigt. Sie zeigten für manche vielleicht etwas verstörte Bilder. Feiernde Amerikaner, jubelnde Menschen. Sie jubelten und feierten den Tod eines Menschen. Es ist ein gewisser Beigeschmack dabei, wenn man diese Bilder sieht. Das so christliche Amerika feiert den Tod eines Menschen. Der womöglich hingerichtet wurde. Es ist nicht ganz klar, ob es eine sogenannte Kill-Mission war. Also eine Mission Bin Laden zu liquidieren, ohne erst zu versuchen ihn fest zu nehmen. Die Aussagen überschlugen sich kurz nach der Tat. Erst hieß es er sei in einem Feuergefecht gestorben, mit einem Gewehr in der Hand. Später hieß es er war unbewaffnet, aber er habe eine verdächtige Bewegung gemacht und eine Waffe lag in Reichweite, deswegen wurde er erschossen. Wäre es möglich gewesen, hätte man ihn festgenommen, so hieß es. Man mag es glauben oder nicht. Man mag sich drüber freuen oder nicht. Auch in der islamischen Welt gehen die Meinungen auseinander. Trotzdem fragt man sich, darf man sich über den Tod eines Menschen freuen?

Bin Laden wird zum Märtyrer gemacht. Mit der schnellen Seebestattung sollte der islamischen Vorschrift Folge geleistet werden, dass ein Toter innerhalb von 24 Stunden zu beerdigen ist. Aber im Endeffekt wurde nur dieser einen Vorschrift Folge geleistet. Eine Seebestattung ist nur in äußersten Umständen und wenn gar nichts anderes möglich ist gestattet. Eigentlich kommt nur eine Erdbestattung für einen Muslimen in Frage, mit Blickrichtung gen Mekka. Von daher dürfte die Seebestattung Bin Ladens weiter für Zündstoff unter den Muslimen sorgen. Allerdings ist der Beweggrund der Amerikaner auch nach zu vollziehen. Sie wollten keine Pilgerstätte schaffen.

Es wird noch ein heißes Thema sein und es wird sich noch zeigen welche Wellen es schlagen wird. Und Bin Laden schaffte mit seinem Tod etwas, was er mit den Anschlägen des 11. Septembers nicht geschafft hatte. Er spaltet Amerika und Europa. Die einen freuten sich, die anderen standen der Freude skeptisch gegenüber. Auch innerhalb Europa, aber vor allem in Deutschland teilte die Nachricht über seinen Tod das Land. Die Bundeskanzlerin war erfreut vom Tod des Terrorfürsten. Viele störten sich an dem Wort freuen. Ein Richter aus Hamburg zeigte Frau Merkel wegen ihrer Aussage sogar an. Die Medien in Deutschland stürzten sich auf das Verhalten der Amerikaner und prangerten es als teils unchristlich an. Es sei eine „Auge um Auge“ Mentalität.

Nach dem ARD-DeutschlandTrend stimmten 42 % dafür, dass die USA Recht zur Tötung Bin Ladens hatten. 52 % waren der Meinung man hätte es mit einer Festnahme versuchen sollen. Auf die Frage ob der Tod Bin Ladens ein Grund zur Freude sei, gaben nur 28% an, es sei ein Grund zur Freude, 64 % gaben an es sei kein Grund zur Freude. Genauso waren nur 2 % davon überzeugt, dass die Terrorgefahr nach seinem Tod gesunken sei. 51 % denken sie sei sogar gestiegen, 45 % waren davon überzeugt sie würde gleich bleiben.

Ginge es nach den Deutschen, war die Tötung Bin Ladens eigentlich für die Katz. Genauso erscheint die Freude der Amerikaner als moralisch falsch. Aber wer hier Moral predigt, kann es eigentlich nicht zulassen, dass für unsere Bequemlichkeit Nahrungsmittel verbrannt werden, während in anderen Ländern Kinder Hunger leiden. Weiteres möchte man gar nicht aufzählen.

Man muss sich aber vielleicht auch in die Amerikaner versetzen. Es ist ein Satz aus einem SPIEGEL-ONLINE Artikel der aussagen soll, was die Amerikaner wirklich seien: „Es sind wohl letztlich leider nicht "die Kräfte des Friedens", die hier gesiegt haben, wie Merkel meint, sondern die Anhänger einer archaischen Blutrache-Moral.“

Es mag vielleicht stimmen, dass es Blutrache war. Aber man muss es auch von der Seite der Amerikaner sehen. Der erste Anschlag auf das World Trade Center war noch relativ „harmlos“. Der Zweite war ein Stich in das Herz der Amerikaner. Amerika hatte in seiner Geschichte nie einen derartigen Angriff von Außerhalb auf eigenem Boden erfahren. Es wurde ein Stück weit gedemütigt. Es wollte Rache, es wollte den Krieg, aber den Krieg gegen wen? Es gab keinen Staat, der die USA angegriffen hat, also konnte die USA auch keinem Staat den Krieg erklären. Es gab nur den Krieg gegen den Terrorismus. Und an dessen Spitze stand die Figur Osama Bin Laden. Er war der Fokus im Krieg gegen den Terrorismus und der Schmach die Amerika erlitten hatte.

Nun ist Bin Laden tot. Es ist ein bedeutender Sieg in einem Krieg, der wahrscheinlich für viele einem Kriegsende gleich kommt, denn letztendlich wurde dem vermeintlich wichtigstem Heerführer das Handwerk gelegt. Da mag man sich fragen, ist es vielleicht doch eher die Freude über einen militärischen Sieg als über die Hinrichtung eines Menschen? Wohlgemerkt, dass hier nichts verharmlost werden soll.

Und man mag vielleicht sogar vage behaupten, dass es für Bin Laden besser gewesen ist, so wie es gelaufen ist. Denn die Amerikaner hätten wahrscheinlich so oder so seine Hinrichtung gefordert und er hätte sich einem langen Schauprozess hingeben müssen. Der wahrscheinlich von Anschlägen und Entführungen al-Qaidas zu seiner Freipressung begleitet worden wäre. Vielleicht ist die Welt jetzt dadurch etwas sicherer geworden, oder auch nicht. Vielleicht wird Bin Laden durch einen anderen charismatischen Anführer ersetzt. Al-Qaida operiert zwar eher regional, aber es wird wohl trotzdem ein herber Rückschlag für die Terrororganisation gewesen sein. Und nach dem militärischen Weg, müsste man einen längst überfälligen Weg einschlagen. Den Weg des Dialogs. Solange sich der christliche Westen, allen voran die USA, den islamischen Staaten bzw. das Christentum dem Islam weiterhin als überlegen gibt, werden Terrororganisation immer einen Nährboden für weiteren Hass finden. Sie werden ihren Hass auch aus den Bildern der jubelnden Amerikaner ziehen.

Aber nach all dem bleibt trotzdem immer noch die Frage stehen: Darf man sich über den Tod Osama Bin Ladens freuen?

Der schon oben zitierte Artikel könnte da vielleicht schon eine anfängliche Antwort geben: „Die Erleichterung über den Tod Bin Ladens ist nachvollziehbar, der Applaus für seine Hinrichtung ist es nicht.“