Klima im Tank

An den Tankstellen kostet Super genauso viel wie das bessere Super Plus. Super Plus ist aber wiederum an manchen Tankstellen bereits ausverkauft. Wann gab es das schon mal? Dann gibt es da noch eine Sorte Benzin, billiger und so heißt es besser fürs Klima, aber den will keiner – E10. Der Versuch Sprit ökologischer und umweltverträglicher zu gestalten erhält eine vernichtende Bilanz. Und ist eine weitere Schelte für die aktuelle schwarz-gelbe Regierung.

Osterzeit, Reisezeit. Das Benzin ist dann auch immer besonders teuer. Aber mittlerweile ist der Spritpreis nicht nur allein wegen der hohen Nachfrage an den Tankstellen gestiegen. Vielmehr durch die Einführung des Kraftstoffs E10. Er hat einen Bioethanolanteil von 10 Prozent und soll damit dem Klima dienlich sein. Bioethanol gilt als nahezu CO2-neutral. Die Idee dahinter ist auch recht einfach. Das CO2, dass bei der Verbrennung des Bioethanols frei wird, wurde zuvor schon von der Pflanze eingelagert. Das klingt prima. Prima in Hinblick auf das verteufelte CO2, dass als Ausshängeschild für die menschengemachte Klimaerwärmung verantwortlich gemacht wird.

Aber mittlerweile ist der wirkliche Nutzen von E10 umstritten. Genauso kommt E10 in Deutschland beim Autofahrer nicht gut an. Bundesumweltminister Norbert Röttgen droht eine empfindliche Schlappe. Anscheinend konnte keiner damit rechnen, dass E10 bei den Autobesitzern durch fällt. Aber der Grund ist eigentlich schnell gefunden. Bei all den Anstrengungen die von Regierung und Industrie vorgenommen wurde, war letztendlich eine Fraktion anscheinend nicht im Blickfeld – der Autofahrer. Schlechte Informationspolitik, keine Vermarktungsstrategie – Parallelen zu Stuttgart 21. Auch Deuschland-Chef des Mineralölkonzerns Shell, Peter Blauwhoff, kommentierte es so: „E10 ist unser Stuttgart 21.“

Irgendwann war der neue Kraftstoff dann da und kein Autofahrer war sich sicher, ob sein Auto überhaupt den neuen Kraftstoff vertragen würde. Der Alkoholanteil in dem Sprit kann, zumindest bei älteren Autos, Plastikteile in der Kraftstoffanlage auflösen. Bei den neueren Autos sei das aber kein Problem. 99 Prozent der Autos deutscher Hersteller würden die Sorte E10 vertragen. Trotzdem konnten die Hersteller niemanden wirklich beruhigen. Der Treibstoff war da, die Liste auf dem die Autos stehen, die den neuen Treibstoff vertragen, im Internet verfügbar. Aber die wenigstens wollen den neuen Treibstoff tanken. Zu klein ist das Vertrauen. Für viele Autofahrer ist es wenig vertrauenserweckend sein Auto in einer Liste im Internet zu suchen, in einem Land, in dem jeder Schokoriegel mit präzisen Inhaltsangaben versehen wird. Die Hersteller selbst waren skeptisch. Lange dauerte es, bis die Konzerne ein Haftungsversprechen abgaben. Und der Fakt, dass alle Dienstwagen des Staates, also Polizeiautos, Feuerwehrautos, Krankenwagen usw., erst einmal weiterhin normal tanken sollen und nicht E10 verwenden sollen (sicher ist sicher) dürfte die Normaltanker auch nicht wirklich mehr Vertrauen in den neuen Sprit einflößen.

Kein Autofahrer will hier zu Recht sein Auto als Versuchsobjekt zur Verfügung stellen.

Die Politik hoffte, dass die Mineralölkonzerne entsprechend Werbung für den neuen Sprit machen würden, so wie sie es immer machen. Die Konzerne sind gesetzlich dazu verpflichtet Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen einzusetzen. Sie kommen der Pflicht nach, mehr aber auch nicht. So wird der schwarze Peter unter den Politikern, Mineralölkonzernen und den Autoherstellern hin und her geschoben.

Dabei bleibt es aber nicht. Aus ökologischer Sicht ist E10 kein guter Beitrag für eine sinnvolle Klima- oder Umweltschutzmaßnahme. Das Urteil von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist verheerend. So verheerend, dass ein Ratschlag ist: „Autofahrer sollten besser herkömmlich tranken.“

Die Umweltbilanz aus nachwachsenden Rohstoffen ist nicht positiv, nein negativ. Also schädlicher als der bisherige fossile Brennstoff den er ersetzen soll. Für den Brennstoff muss man Pflanzen anbauen. Diese brauchen eine Fläche zum Wachsen, welche nicht gerade gering ausfällt. Laut einer Studie am Londoner Institut für Europäische Umweltpolitik berechnet sich die Fläche Wald, Weiden und Feuchtgebiete die als Ackerland kultiviert werden müssten, um den künftigen europäischen Biospritbedarf zu decken auf 69.000 Quadratkilometer – das ist mehr als die doppelte Größe Belgiens. Dies führt wiederum dazu, dass bis zu 56 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt werden. Ebenso könnte man 12 bis 26 Millionen zusätzliche Autos in Europa fahren lassen.

Aber nicht nur die Umweltbilanz ist verheerend. Was man hier macht ist eigentlich schon pervers. Letztendlich werden Lebensmittel verbrannt. Zudem stehen die Ernährungspflanzen und Spritpflanzen in direkter Konkurrenz. Wo Pflanzen für den Sprit angebaut werden, können keine Lebensmittelpflanzen mehr angebaut werden. Man muss sich entscheiden: „Tank oder Teller“. Es kann nicht sein, dass wir für unseren bequemen individuellen Luxus Lebensmittel verbrennen während in andern Ländern gehungert wird. Wenn man die hohe Moral predigt, es dürfe kein Mensch auf der Welt Hunger leiden, darf man keine Technologie einsetzen, die Lebensmittel unsinnig verheizt. Erst recht nicht, wenn der eigentlich versprochene Nutzen überhaupt nicht erreicht wird. Hier könnten Biokraftstoffe der zweiten Generation vielleicht eine bessere Alternative sein, wo man dann z.B. Stroh zu Kraftstoffen verarbeiten kann (Biomass to Liquid-Kraftstoffe). Diese befinden sich allerdings noch in der Entwicklung.

E10 wird wahrscheinlich bald von den Tankstellen verschwinden. Die Umweltorganisationen wird es freuen. Viele Autofahrer auch. Nutznießer von E10, wie Biosprit-Bauern, denen dann die enormen Subventionen flöten gehen, werden eher enttäuscht sein. Dennoch kann man sagen, dass das Scheitern von E10 eine gute Sache ist. Es mag gut gemeint gewesen sein, aber es verkommt zu einer Gelddruckmaschine weniger und der eigentlich geplante ökologische Nutzen bleibt aus.

Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Regierungen sich Hals über Kopf in etwas stürzen, dass sie für toll halten und es für toll verkaufen wollen, aber eigentlich wenig Ahnung davon haben und der eigentlich geplante Nutzen auf der Strecke bleibt. Man muss anfangen wirklich ökologisch zu denken, sinnvolle Beiträge einbringen und nicht vorschnell und unüberlegt handeln, weil es für das Image gut aussehen könnte. Aber wie so oft scheitert der Mensch an sich selbst.


(verwendete Quellen: Der Spiegel – Nr. 16, 2011, Tollhaus Tankstelle.)