Die dreifache Katastrophe

Den 11. März 2011 darf man wohl zu Recht als schwarzen Tag in der Geschichte Japans nennen. Ein Erdbeben erschütterte den Inselstaat. Aber es ist nicht das Erdbeben selbst, das großen Schaden angerichtet hat. Da das Beben vor der Küste stattfand folgte auf das Erdbeben ein Tsunami und überlfutet die Ostküste Japans. Dabei bleibt es aber nicht. Als Folge des Erdbeben und des Tsunamis fielen zunächst in einem Reaktorblock des Atomkraftwerks Fukushima die Kühlung aus. Eine nukleare Katastrophe.

Es ist 14:46 Uhr Ortszeit, als die Erde in Japan bebt. Etwa 130 Kilometer östlich der nordjapanischen Metropole Sendai und 380 Kilometer nordöstlich von Tokio ereignet sich in einer Tiefe von rund 20 Kilometern ein Seebeben der Stärke 8,9. Die Erschütterungen sind noch deutlich in Tokio zu spüren. Später flimmern Bilder über die Nachrichtensender, die die schwankenden Hochhäuser zeigen. Die Erschütterungen waren in Tokio noch so stark, dass die Spitze des Wahrzeichens, dem „Tokio Tower“ verbogen wurde. Es ist das stärkste Erdbeben, das seit den Aufzeichnungen in Japan gemessen wurde.

Japan ist sehr erfahren mit Erdbeben. Jedes Jahr bebt die Erde dort öfters. Japan liegt am Rande des sogenannten „Ring of Fire“ - dem pazifischen Feuerring. Er ist ein Vulkangürtel, der den pazifischen Ozean umgibt. Gut zwei Drittel aller im Holozän ausgebrochenen Vulkane konzentrieren sich hier. Auch starke Erdbeben und von ihnen ausgelöste Tsunamis konzentrieren sich an diesem Ring. Die Kontinentaldrift, das schieben einer Erdplatte unter eine andere baut Spannungen auf, die sich mit einem Schlag lösen können. Löst sich diese Spannung können sie verheerende Erdbeben verursachen. Vor der Ostküste Japans treffen drei Kontinentalplatten aufeinander, die Eurasische, die Phillipinische und die Pazifische Platte.

Da in Japan des öfteren die Erde bebt und es auch schon in der Vergangenheit zu schweren Erdbebenkatastrophen kam, wie zum Beispiel 1995 in Kobe, wurden mehr und mehr Maßnahmen getroffen um das Land erdbebensicher zu machen. Viele Maßnahmen werden dazu getroffen. So werden Hochhäuser auf Rollen gebaut. Man mag sich dass dann in etwa so vorstellen als stünden sie auf einem Skateboard, auf dem man steht und wenn der Boden sich bewegt nur die Rollen bewegt werden, man selbst aber ohne große Probleme auf dem Skateboard stehen bleiben kann. Der Schnellzug Shinkansen wird im Falle eines Erdbebens sofort angehalten. All die Vorkehrungen scheinen Frucht getragen zu haben. Erdbeben werden zur Normalität. Opferzahlen sind meist gering. Auch scheint es, als hätte das Erdbeben vom 11. März, das stärkste jemals in Japan aufgezeichnete Erdbeben, kaum zu Toten geführt. Die ersten Zahlen sprechen dafür. Allerdings sind Zahlen, die kurz nach einem solchen Ereignis genannt werden immer vorläufige Zahlen. Meist wird sie nach oben korrigiert. Dennoch war es eine glimpflich verlaufene Katastrophe?

Im ersten Anschein ja, aber die Folgekatastrophe deutet auf etwas anderes hin. Denn kurz nach dem Erdbeben folgte ein Tsunami und erfasste die Ostküste Japans. Hier wurden die Bilder nahezu in Echtzeit in unsere Wohnzimmer übertragen. Die Bilder zeigen die enorme Zerstörungskraft eines Tsunamis. Unaufhaltsam strömen die Wassermassen ins Landesinnere und nehmen dabei mit was dem Wasser nicht standhalten kann und das ist nicht wenig. Man sieht Trümmer die mit geschwemmt werden, Autos, die wie von einer unsichtbaren riesigen Hand weggewischt und mitgerissen werden. Sogar ganze Häuser werden mitgerissen und Schiffe ins Landesinnere transportiert.

Schon das Sumatra-Beben im Jahr 2004 zeigte mit welcher Wucht ein Tsunami auf das Land treffen kann und welche Opferzahlen auftreten können. Schätzungen gehen hier auf insgesamt über 200.000 Toten. Die meisten in Indonesien. Und es zeigt wie wichtig die Aufklärung über die Gefahr von Tsunamis und ein Frühwarnsystem ist. Japan dürfte in der Menschheitsgeschichte kumuliert die meisten Opfer aufgrund von Tsunamis haben. Auch das Wort „Tsunami“ selbst stammt aus dem Japanischen und bedeutet soviel wie Hafenwelle. Die Bedeutung zeigt auf eine einfache Weise die Art jener Flutwelle. Hafenwelle deswegen, da Fischer, die rausgefahren sind und eine völlig ruhige See befahren haben, wunderten sich beim zurückkehren in den Hafen über einen völlig durch das Wasser zerstören Hafen.

Ein Tsunami entsteht bei einem Seebeben, wenn der Meeresboden sich ruckartig hebt oder senkt. Dadurch wird eine Welle in Gang gesetzt, die sich auf hoher See kaum spürbar macht. Ein paar Zentimeter vielleicht. Ähnlich als wenn man einen Stein ins Wasser werfen würde und von diesem breiten sich dann ringförmig Wellen aus. Zudem ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines solchen Tsunamis auf See enorm. Auf offener See kann er eine Geschwindigkeit von 800 km/h erreichen. Erst wenn der Tsunami sich der Küste nähert türmt sich die Welle mehrere Meter auf. Jetzt in Japan hieß es teilweise bis auf zehn Meter. Und dann rollt sie unaufhaltsam in das Landesinnere. Ist sie erst einmal da, ist fliehen so gut wie unmöglich. Schätzungen zufolge breitete sich die Welle an Land immer noch mit einer Geschwindigkeit von gut 80 km/h aus. Das beste ist nach einem Beben sich in höheres Gelände zu flüchten. Eine Vorwarnung bietet weiteren Schutz. Aber da das Seebeben unweit der Ostküste sich ereignete verkürzte sich die Vorwarnzeit drastisch.

Die Zahlen blieben ein Tag nach dem Tsunami noch bei knapp über 1000 Toten. Aber auch hier dürfte sich die Zahlen weiter erhöhen. So wurde eine Stadt mit 17.000 Einwohnern fast komplett dem Erdboden gleich gemacht. Auch wenn sich einige retten konnten, wurden hier noch um die 10.000 Personen vermisst. Aber wenn man Nachrichten hört, dass an der Küste von Sendai schon am Nachmittag zwischen 200 und 300 Leichen entdeckt wurden, dann muss man damit rechnen, dass derartige Funde sich wiederholen werden. Auf der Strecke zwischen Sendai und Ishinomaki wurde ein kompletter Personenzug vermisst. Eine Raffinerie stand in Flammen und an eine Rettung der Fabrik war nicht zu denken.

Das Wasser trug Trümmer mit sich. Häuser, sogar Brände wurden mit der Welle mitgetragen. Sogar ein Flughafen in der Nähe von Sendai, der einen Kilometer im Inneren des Landes liegt, wurde überschwemmt. Wie eine Insel ragte das Terminal noch aus dem Wasser. Die Technik konnte der unsagbaren Wucht der Natur nicht standhalten. Die Natur obsiegt wieder einmal dem Menschen. Interessant ist es eben auch, dass sich der Mensch immer gern von der Natur abkoppelt, obwohl er doch eigentlich ein Teil ihrer ist.

Man war froh, die erste Katastrophe zu überstehen, als dann die zweite Katastrophe über einen hereinbrach. Hatte man die auch überstanden, konnte es doch eigentlich nicht schlimmer kommen. Aber genau das tat es. Nach den Naturkatastrophen folgt nun eine atomare Katastrophe. In Japan ist es so geregelt, dass bei einem Erdbeben die Atomkraftwerke sofort heruntergefahren werden. Automatisch sobald seismische Aktivität an den Meilern gemessen wird. Aber ein Atomkraftwerk, bzw. die Prozesse die in einem Reaktorblock ablaufen, können nicht so einfach gestoppt werden. Man muss sich das in etwa wie ein schweren Güterzug vorstellen, der in voller Fahr ist und man die Notbremse aktiviert. Der Zug wird nicht sofort zum stehen kommen. Wenn die Reaktoren heruntergefahren werden, erzeugen die Brennstäbe immer noch eine enorme Restwärme. Weswegen sie weiterhin gekühlt werden müssen, ansonsten kann es zu einer Kernschmelze kommen, eine unkontrollierte Kernreaktion. Dabei schmelzen die Brennstäbe zusammen und werden dabei so heiß, dass sie den schützenden Stahlmantel, das sogenannte Containment, ebenfalls zum schmelzen bringen. Das Containment schützt eigentlich die Umgebung vor den gefährlichen radioaktiven Strahlen. Es soll verhindert werden, auch zum Beispiel bei einer nur partiellen Kernschmelze, also wenn die Brennstäbe teilweise schmelzen, die unkontrollierte Kettenreaktion aber noch verhindert werden kann, dass Strahlung direkt in die Atmosphäre gelangen kann.

Wird dieser schützender Mantel beschädigt, kann radioaktive Strahlung direkt in die Atmosphäre gelangen und die Umgebung kontaminieren. Je nach meteorologischen Umständen kann diese radioaktive Wolke in die weitere Umgebung transportiert werden und dort ihren Schaden anrichten. Für den Mensch besteht bei einer hohen Strahlendosis der sofortige Strahlentod. Bei einer niedrigen Dosis der schleichende Tod, denn die Strahlung kann z.B Krebs verursachen. Aber sie kann auch das Erbgut verändern und somit die Missbildung von Kindern fördern. Das schlimme ist, dass man die Strahlung weder sehen noch schmecken oder riechen kann. Der Mensch hat keine Sinnesorgane für Radioaktivität. Sie ist eine unsichtbare Gefahr und das macht sie besonders gefährlich. Und in Japan herrscht wohl auch deswegen besonderes Unbehagen. Denn die Meldungen der Regierung sind manchmal spärlich. Oft auch ein Herunterspielen der Gefahr, es bestehe keine Gefahr. Das die Regierung spärlich mit ihrer Information an die Öffentlichkeit tritt und sie aufruft Ruhe zu bewahren. Trotz der bestehenden Gefahr ist dies aber auch nicht das Falscheste was die Regierung machen kann. Letztendlich will man eine Panik verhindern und das auch zu Recht. Japan kann im Moment alles andere als eine Panik gebrauchen. Und da ist es aber auch wieder bewundernswert. Die stoische Ruhe mit der die Japaner dem Erdbeben und dem Tsunami, aber auch der nuklearen Gefahr trotzen ist kaum vorstellbar. In manch anderer westlichen Nation würde die Situation vielleicht anders aussehen. Manchmal schienen die hiesigen Medien auch enttäuscht darüber wie ruhig die Japaner auf das Erdbeben reagierten.

Mittlerweile murrt aber auch schon der eine oder andere Japaner über die Regierung. Aber das liegt vielmehr an den widersprüchlichen Aussagen die an die Öffentlichkeit gerichtet wurden. Mal sagte die Regierung es sei soweit alles in Ordnung, dann wieder die Lage sei ernst. Dann schaltete sich die Betreiberfirma Tepco (Tokyo Electric Power Company) ein und gab öffentlich bekannt das stimme auch wieder nicht, alles sei beherrschbar. Dadurch bröckelt das Vertrauen, vor allem als bekannt wurde, dass der Premier wichtige Informationen erst über das Fernsehen erfuhr. Erst spät wurde ein gemeinsamer Krisenstab zwischen Betreiberfirma und der Regierung einberufen. Es nährt sich der Verdacht, ob man überhaupt auf die Möglichkeit einer atomaren Katastrophe vorbereitet war. Die Betreiberfirma Tepco geriet in Vergangenheit zudem in Misskredit. Vertuscherfirma wurde sie genannt. Nach Untersuchungen kam heraus, dass zum Beispiel über einen langen Zeitraum Berichte gefälscht wurden. Das Vertrauen in einer Krise ist dadurch natürlich bei Null. In Deutschland undenkbar, dass eine Firma so etwas machen würde? Man braucht nur den Namen Vattenfall fallen lassen.

Die Bilder sprechen laut Experten dafür, dass eine Kernschmelze wahrscheinlich in Gang ist. Die Explosion (wahrscheinlich eine Wasserstoffexplosion) des Block 1 sprach dafür. Ironischerweise sollte dieser im März vom Netz gehen. Das Atomkraftwerk Fukushima I hat insgesamt sechs Reaktorblöcke. Drei davon waren in Betrieb. Neben dem alten Block 1 stehen drei weitere. Alle wurden vor 1980 gebaut. Die neueren Blöcke 5 und 6 stehen etwas entfernt. Nach Block 1 explodierte auch das Dach von Block 3. Bei beiden hieß es zunächst, das Containment sei davon nicht betroffen gewesen und hielt weiter stand. Dennoch scheint eine Kernschmelze weiter im Gange zu sein. Denn mittlerweile kann der Kern nicht mehr direkt gekühlt werden, sondern es wird nur noch das Containment selbst gekühlt, unter anderem mit Meerwasser das mit Borsäure (dient dazu die Kernreaktion zu minimieren) versetzt wird. Laut Expertenmeinungen ist dies eine letzte Lösung. Möglicherweise vergeblich. Aber die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Block 2 und 4, der wegen Wartung nicht am laufen war, scheinen aber mittlerweile ebenfalls außer Kontrolle zu sein. Zudem sei anscheinend bei einer Explosion das Containment eines Blockes beschädigt worden. Das bedeutet das die radioaktive Masse direkten Kontakt zur Atmosphäre hat. Aber damit ist es noch nicht zu Ende mit den schlimmen Nachrichten. Aufgrund der Bauweise der Reaktoren lagern abgebrannte Brennstäbe über dem Schutzmantel in einem Abklingbecken. Auch hier gilt, dass abgebrannte Brennstäbe noch Restwärme erzeugen und in sogenannten Abklingbecken gekühlt werden müssen. Dafür muss das Wasser ebenfalls immer wieder ausgetauscht werden. Da hieß es, dass das Wasser in einem der Becken sogar zeitweise kochte. Auch hier kann es zu einer Kernschmelze der alten Brennstäbe kommen. Und da sie selbst nicht in einem Containment lagern hätten sie somit direkten Zugang zur Atmosphäre. Auch wenn der GAU, ja sogar der Super-GAU, noch nicht eingetreten ist, stehen die Zeichen nicht sehr gut. Experten meinten schon, man sollte den Reaktorblock aufgeben und mit Beton, wie in Tschernobyl, abdichten.

Japan erlebt damit seine zweite nukleare Katastrophe in seiner Geschichte. Am 6. und 9. August erlebten die Menschen in Hiroshima (6. August) und Nagasaki (9. August) einen nuklearen Holocaust. Um das Kriegsende und so vielen US-Soldaten das Leben zu retten wurde von Amerika die bisher ersten einsatzfähigen Atombomben in einem Krieg gegen Menschen eingesetzt. Damals starben insgesamt etwa 92.000 Menschen sofort und bis Jahresende starben weitere 130.000. Die genaue Anzahl der Toten aufgrund der Folgeschäden wird wohl nie genau beziffert werden können. Ob der Einsatz der Atombomben rechtens waren wird bis heute diskutiert.

Aufgrund dieses Ereignisses verschrieb sich Japan dem Pazifismus. Aber das Land, das die Gefahr, die verheerende Zerstörungskraft der Atomkraft an eigenem Leib erfahren musste, setzte als eine der ersten Nationen verstärkt auf die friedliche Nutzung der Atomkraft. Man sah das Nutzen dieser Energiegewinnen aufgrund der Tatsache dass Japan ein Inselstaat ist und arm an Rohstoffen ist als notwendig. Man suchte sein Heil in den Atommeilern. Etwa 30 Prozent des Energieverbrauchs in Japan wurde durch die Atomkraft gedeckt. 57 Reaktoren stehen im Land. Obwohl die Gefahr durch Erdbeben immer präsent war. Nun erfahren die Japaner auf bittere Weise, dass das Restrisiko, das immer besteht, unheilvoll eingetreten ist.

Natürlich wirft die Atomkatastrophe die Diskussion über die Atomkraft wieder auf. Zu Recht. Die Gedanken spielen natürlich damit, wenn in einem so hochtechnologisierten Land wie Japan ein Reaktor außer Kontrolle geraten kann, dann ist es eher eine Frage der Zeit bis dies auch in einem anderen Land passieren kann. Auch in Deutschland, wo die Atomgegner so vehement wie in kaum einem anderen Land gegen die Atomkraft demonstrieren und antreten, zog der Fall Fukushima seine Kreise. Nach dem Beschluss der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke rudert Bundeskanzlerin Merkel auf einmal zurück und setzt die Laufzeitverlängerung erst einmal für drei Monate aus. Sieben Reaktoren, vor allem die alten, sollen sofort vom Netz gehen und solange still stehen bis man die Sachlage neu diskutiert hat. Neckarwestheim soll endgültig still gelegt werden.

Die Laufzeitverlängerung war umstritten. Vor allem deswegen, da alte Pannen-Meiler noch länger als geplant am Netz bleiben sollten. Die Atomkraft galt als Brückentechnologie, bis sie durch regenerative Energien ersetzt werden kann. Aber die Verlängerung hätte nur den großen Strombetreibern in die Karten gespielt. Wohl eher Geld in die Taschen. Zudem blockierte bisher immer mal wieder der Atomstrom die Einspeisung von Windenergie in das Netz. Atomkraft sei nötig, da der Stromverbrauch immer weiter wachsen würde und sonst eine Versorgungslücke entstehen würde. Aber man fragt sich wieso man dann jetzt einfach die Meiler vom Netz nehmen kann. Nach Aussage eines Experten hatte man in Vergangenheit sogar Strom exportiert, da man Überkapazitäten hatte. Und der Stromverbrauch stieg nicht wirklich. Wichtig aber vor allem ist es die Spitzenlasten abdecken zu können. Aber auch hier stieg der Wert nicht wirklich an. Zudem kann man davon ausgehen, dass sich die Technologie der regenerativen Energien in Zukunft weiter entwickeln wird. Besorgniserregend der Laufzeitverlängerung ist eigentlich die Tatsache, dass die Sicherheitsvorschriften die zum Atomausstieg getroffen wurden, wieder gelockert bzw. wieder aufgehoben wurde. Nur dadurch konnten die Altmeiler weiter betrieben werden.

Man kann jetzt nur hoffen, dass das Rückrudern nicht dem Wahlkampf dient. Schließlich stehen wichtige Landtagswahlen an. Aber das Aussetzen für drei Monate weckt Unmut. Was wenn die Landtagswahlen gut für die Union ausgeht? Geht man dann bei der Atomkraft wieder auf Normalbetrieb, wie vor dem Moratorium? War Neckarwestheim nur ein Bauernopfer, damit der angeschlagene Ministerpräsident Mappus sich über die Wahl retten kann? Mappus war schließlich der Ministerpräsident, der sich als einziger äußerst vehement für die Verlängerung der Laufzeiten einsetzte und Umweltminister Röttgen sogar öffentlich abwatschte. Man kann in Anbetracht der Katastrophe in Japan nur hoffen, dass niemand dies für seinen Wahlkampf verwendet und die Opfer instrumentalisiert. Keine der beiden Seiten.

Nun kann man hoffen, dass Japan von der richtig großen Katastrophe verschont bleibt. Aber viele Zeichen stehen nicht gut. Der SPIEGEL zeigt vier Szenarien für die Zukunft Japans auf (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,751083,00.html).

Ob es ein zweites Tschernobyl geben wird ist auch noch fraglich, aber nicht auszuschließen. Damals bei der Katastrophe von Tschernobyl wollte man beweisen und testen, dass im Falle eines Stromausfalls und Abschneiden einer externen Energieversorgung das Kraftwerk sich selbst herunterregeln kann. Aber die Bauweise des Kernreaktors und Bedienfehler führten zu der bis Dato schwersten Nuklearkatastrophe der friedlichen Nutzung der Atomkraft. Zudem beförderte brennendes Graphit nukleare Asche in eine Höhe, von der sie weit verbreitet werden konnte. Graphit gibt es in Fukushima nicht. Dennoch sind hier vier Reaktoren betroffen, nicht einer, obwohl damals in Tschernobyl in dem einen Unglücksreaktor deutlich mehr spaltbares Material lagerte als in Block 1 von Fukushima. Zudem bessert sich die meteorologische Situation wieder. Der Wind wird wieder auf einen Westwind drehen und somit vom Land weg auf den Pazifik wehen. Dort würden die radioaktiven Stoffe wahrscheinlich ausgewaschen werden.

Aber es wird klar, dass der Mensch der Natur nicht Paroli bieten kann. Man kann nur Schutzmaßnahmen treffen. Und es zeigt, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände, wie so oft, zu einer Katastrophe führen kann. Die ganze Welt muss nun über weitere Nutzung der Atomkraft nachdenken. Manche Länder haben sofort gehandelt, die Schweiz etwa, die alle weitere Planungen fallen ließ. China fuhr zunächst einen anderen Kurs. Dort wird aufgrund des riesigen Energiehungers in die Atomkraft gesetzt. Weitere Kraftwerke waren in Bau oder in Planung. Ein Umschwingen aufgrund von Fukushima schien zunächst nicht denkbar. Mittlerweile wurden auch dort Planungen neuer Kraftwerke erstmal auf Eis gelegt. Aber vielleicht lernt man auch aus der Katastrophe. Der Blick geht dabei auch nach Amerika, vor allem an die Westküste. Dort stehen Atomkraftwerke in der Nähe von geologischen Verwerfungen und dort wird schon seit längerer Zeit ein schweres Erdbeben erwartet.

Man kann nur hoffen, dass das japanischen Volk nicht noch mehr Schaden erfährt. Gelitten hat es schon genug. Es ist die schwerste Katastrophe seit Ende des zweiten Weltkriegs. Die dreifache Katastrophe hat Japan, hat die Welt nachhaltig geprägt.

So wird Fukushima, wie der Name Hiroshima, Harrisburg oder Tschernobyl, eine Metapher für ein atomares Unglück. Ein Symbol, ein Mahnmal aus Buchstaben.

 

(verwendete Quellen: Der Spiegel – Nr. 11, 2011, Fukushima ist überall.)