Das 9-Euro-Ticket ist gelebte Liberalisierung.

Würde man nur bestimmten Gruppen zuhören, so wäre das 9-Euro-Ticket ein Riesenflop.
Zu billig, zu überfordert, zu sozial, zu liberal, zu unsozial. Aber eigentlich ist oft die Kritik am 9-Euro-Ticket einfach nur billig.

Nach der Coronakrise ist vor der Energiekrise. Seit Putin den Krieg gegen die Ukraine angefangen hat, stiegen die Energiepreise und die Gasversorgung ist mehr als unsicher. Das kann man wohl getrost so sagen, da man abhängig, zu abhängig, vom Wohlwollen eines Antidemokraten ist.

Als Antwort auf steigende Preise hatte die Bundesregierung das eine oder andere Paket geschnürt. Am prominentesten für die Mobilität: Tankrabatt und 9-Euro-Ticket. Ersterer hat Kritik eingefahren, zweites auch, aber meist nur gefühlt billigste “Kritik”.

Der Tankrabatt ist sicherlich ein großes Geschenk an all die Autofahrer da draußen. Auch wenn es erst hieß, er würde nicht funktionieren, weil der Sprit gar nicht günstiger wurde. Tatsächlich haben Daten aber gezeigt, dass der Tankrabatt durchaus einen senkenden Einfluss auf den Sprit hatte. Sprit war teuer einzukaufen und ein versprochener Rabatt mag die Nachfrage gesteigert haben und steigende Nachfrage hat bei zumindest gleichbleibenden Angebot eine Auswirkung: steigende Preise. Man wundert sich schon, was sich so mancher wohl gedacht hat, was der Sprit an der Tanke durch den Rabatt kosten würde? 5 Cent?

Der Tankrabatt mag im Zuge der Klimakrise auch noch mal gesondert betrachtet werden und sollte kritisch hinterfragt werden, ob dies wirklich die Anreize sind, die man setzen möchte. Natürlich dauert der Rabatt nicht ewig, aber zeigt manchmal wie unsere Regierung funktioniert: das eigene Klientel möge doch bitte bedient werden und man scheut immer noch einschneidende Richtungsweisungen. Ganz nach dem Motto: Gießkannenprinzip ohne Lenkungswirkung.

Das 9-Euro-Ticket hatte sicherlich eine beabsichtigte Lenkungswirkung: Der Umstieg auf den ÖPNV. Das günstige Ticket sollte für viele ein niederschwelligen Einstieg in den ÖPNV vermitteln. Aber sollte auch gleichzeitig entlasten. Die Bürger entlasten, die sowieso schon nicht viel Geld auf der Kante haben.

Die Kritik am 9-Euro-Ticket war an vielen Stellen ziemlich billig. Es würde nichts bringen und die Bahn überfordern und daher bringt es nichts. Es wird geunkt über überfüllte Züge usw. Dabei war durch die Einführung kurz vor Pfingsten absehbar, dass es ein Chaos geben würde. Wer sich allerdings an Pfingsten über volle Züge wundert, der ist noch nie mit dem Zug an Pfingsten gefahren. Vielmehr zeigte das 9-Euro-Ticket wo die Probleme stecken. Ein gutes Angebot wollen die Menschen nutzen, dann muss es aber auch erfüllbar sein. Sofern der ÖPNV massiv ausgebaut wird und bezahlbar ist, werden die Menschen ihn Nutzen.

Aber nach diesem Kommentar in der TAZ hat das 9-Euro-Ticket überhaupt keinen Sinn. Es sei nur sinnlos teuer und wäre keine Hilfe für den Klimaschutz. Es seien ja nur Schnäppchenjäger, die davon profitieren und es nutzen würden. Es werden Fahrten/Reisen unternommen, die man sonst nicht unternommen hätte. Keine Fahrt für den Klimaschutz also. Grund: der Straßenverkehr habe sich nur minimal gesenkt. Daher sei es ein Flop und eigentlich müsste Autoverkehr anders geregelt werden, weniger Parkplätze zum Beispiel oder eine Maut. Man könnte allein mit Angeboten nicht regeln. Sondern es müsste eher eine Verknappung oder einen Verzicht geben und wenn man es so böswillig sagen möchte, eine Bestrafung.

Allerdings sind die Schlussfolgerungen schon sehr dürftig und wage, gerade wenn man sich die Daten mal genauer anschaut. Einerseits geht aus den Daten des statistischen Bundesamt unter anderem hervor, dass die Zugreisen an den Wochenenden stärker gestiegen sind, als an den restlichen Wochentagen. Das deutet natürlich auf Schnäppchenjäger hin. Andererseits ist der Zugverkehr auch an den restlichen Tagen enorm angestiegen. Dies deutet eben nicht auf Schnäppchenjäger hin, im Gegenteil. Pendler sind wohl vermehrt auf den Zugverkehr umgestiegen. Auch ein Rückgang der Staus in Städten ist ein Hinweis darauf (BMDV auf Twitter).

Schnäppchenjäger wird es sicherlich geben, ohne Frage. Aber das hier pauschal abzutun nur Schnäppchenjäger würden das 9-Euro-Ticket nutzen, grenzt schon etwas an Polemik. Man könnte auch die These umdrehen: Endlich gibt es Mobilität, die sich viel mehr Menschen leisten können. Dafür spricht zum Beispiel, dass es seit Einführung des 9-Euro-Tickets viel weniger Schwarzfahrende gibt. Auch wird es die eine oder andere Begegnung auf Bahnhöfen gegeben haben, bei denen Menschen einem erzählen, dass sie sich weite Bahnreisen endlich leisten können. Wenn das diese sozial schwachen Schnäppchenjäger sind, dann verdammt nochmal ist das 9-Euro-Ticket ein Erfolg. Mobilität sollte keine Grenze für Menschen darstellen. Und Klimaschutz gegen arme Menschen auszuspielen ist immer schon armselig gewesen.

Aber nochmal zu den Daten. “Dank Handyortung lässt sich ganz genau ermitteln, wie viele Menschen mit der Bahn oder dem Auto unterwegs sind”, lautet es im Kommentar. Geht man jetzt aber mal auf die Quelle von destatis.de und liest sich die Methodik zu den Daten durch, kann man diesen Schluss gar nicht so voreilig ziehen. Denn so genau lässt sich das am Ende doch nicht entschlüsseln.

Erst einmal muss die Handyortung eindeutig Straße oder Schiene zugeordnet werden, was wir mal annehmen, dass das ganz gut funktioniert. Allerdings wird es dann interessant was alles auf der Straße gezählt wird. So kann nicht zwischen Personen- und Güterverkehr unterschieden werden. LKWs werden also genauso gezählt wie PKWs. Nehmen wir also einmal an, der PKW-Verkehr würde abnehmen, aber in gleicher Zeit der LKW-Verkehr zunehmen, kann es sein, dass man keine oder nur eine kleine Änderung sehen würde.

Weiter kann eine Doppelzählung nicht immer ausgeschlossen werden, da nicht immer in Autos verbaute SIM-Karten identifiziert und herausgerechnet werden können. Weiter kann nicht zwischen der Nutzung zwischen Bus oder PKW unterschieden werden. Steigen also viele von PKW auf Bus um, würde der Straßenverkehr in dieser Statistik ungefähr gleich bleiben. Ein Umstieg auf ÖPNV kann somit nicht immer errechnet werden.

Was im Kommentar aber gänzlich fehlt und das ist eigentlich sehr ernüchternd das es fehlt: Der innerdeutsche Flugverkehr ging nach Einführung des 9-Euro-Tickets ebenfalls leicht zurück. Ohne Frage könnte es noch mehr sein, aber es ist immerhin ein Anfang. Was natürlich ein guter Nebeneffekt für das Klima ist.

Es ist einerseits klar, dass am Ende der ÖPNV dauerhaft nicht so günstig bleiben kann. Allerdings sollte man die Idee eines bundesweiten Klimatickets nicht fallen lassen. Im Gegenteil. Vor allem muss die Schlussfolgerung sein, endlich die elendigen Tarifzonen aller Verkehrsverbünde fallen zu lassen. Diese Kleinstaaterei ist ein Anachronismus. Andererseits ist es klar, dass Autofahren deutlich teurer werden muss. Städte sind über die Jahre Orte für Autos geworden und sollten eigentlich Orte für die dort lebenden Menschen sein.

Es ist also eine dürftige Aussage, dass das 9-Euro-Ticket ein sinnloser Reinfall wäre. Eigentlich kann man die These auch umdrehen: Es ist ein voller Erfolg, da es mehr Teilhabe ermöglicht. Und es ist natürlich Sinn der Sache, dass wenn man etwas verknappen möchte (Autoverkehr), muss man auch ein Gegenangebot anbieten (ÖPNV). Ein günstiger ÖPNV wäre wahre Liberalisierung für viele Menschen.