Die Megadürre von 1540

Tagelange Dürre und Hitze. Das klingt fast nach dem Sommer von 2003, als Mitteleuropa unter einer enormen Hitzewelle stöhnte. Damals kamen schätzungsweise 70.000 Menschen durch die Hitze ums Leben. Die extreme Periode anhaltender Hitze zählt als Maß dafür, wie ein Extremereignis in einem zukünftigen wärmeren Klima aussehen könnte. Ein Studie zeigt allerdings, dass 2003 wohl schon einmal übertroffen wurde - 1540.

Die beiden Hitzewellen von 2003 in Mitteleuropa und 2010 in Russland gelten als Vorboten extremer Ereignisse in einem sich erwärmenden Klima. Wieviel Menschen letztendlich an den Folgen der Hitze von 2003 starben lässt sich nicht genau ermitteln, aber Schätzungen gehen von 70.000 Opfern aus, wobei Frankreich die meisten Todesopfer zu verzeichnen hatte.

Was eine globale Erwärmung auf lokaler und regionaler Skala bedeutet ist in der Debatte über Adaption und Mitigation von größter Bedeutung. Nur wenn man die Extremereignisse kennt, weiß man was zu erwarten hat und kann sich darauf vorbereiten. Die Hitzewelle von 2003 zeigte einen Vorgeschmack wie dies aussehen könnte. Was dies für die Mortalität von vor allem älteren Menschen bedeutete leider auch. Von daher ist es wichtig zu wissen was zu tun ist, wenn es erneut zu einer ähnlichen Hitzwelle kommt, die vielleicht sogar schlimmer ausfallen könnte. Das diese noch übertroffen werden kann zeigt eine Studie über eine Dürre, die in der Vergangenheit Europa heimsuchte.

Wie kann man allerdings etwas wie über eine Dürre in der Vergangenheit erfahren? Bäume und deren Baumringe liegen nahe, aber im Falle der Dürre von 1540 konnten die nicht helfen. Die Dürre von damals verhinderte das Pflanzenwachstum. Bereits in einer früheren Studie konnte man aus einer der ältesten Chronik über Weinlese (1444 - 2011) ableiten, dass in den Monaten April bis Juli im Jahr 1540 in Frankreich und der Schweiz die Temperaturen deutlich höhere Werte erreichten als sonst. Möglicherweise sogar höher als 2003. So waren 1540, 1921 und 2003 in der alpinen Region wahrscheinlich die trockensten Jahre in den letzten 500 Jahren. In einer neueren Studie konnte dies belegt werden, aber auch in einem größeren europäischem Kontext nachgewiesen werden.

Es sind nicht Computermodelle die die Dürre von 1540 zum Vorschein bringen, sondern handschriftliche Archive von Chronisten. Diese beschäftigten sich mit dem Einfluss von Extremereignissen auf Mensch und Umwelt. So wurden mehr als 300 Dokumente als Quellen für Wetterberichte verwendet, um die Intensität, Dauer und den Einfluss der Dürre auszuwerten. Es scheinen zunächst banale Notizen zu sein, wenn Chronisten die Daten von Regentänzen niederschrieben, aber sie zeigen wohl eine der größten Naturkatastrophen in Europa auf. Denn sie schrieben nicht nur das Datum des Regentanzes auf, sondern auch die folgende nahezu regenlose Periode.

Dadurch konnte man mit Hilfe statistischer Modelle die Anzahl der Regentage rekonstruieren. Dabei sind Fehler nicht auszuschließen, aber die Anzahl der Regentage lag mit weit unter dem Mittel des 20. Jahrhunderts. Sogar unter dem trockensten Jahr seit 1864. Elf Monate in denen kaum Regen fiel ist fast nicht vorzustellen. In der Schweiz soll die Niederschlagsmenge unterhalb des 100-jährigen Minimums gelegen haben. Auch in Polen soll die Dürre lange angehalten haben, nämlich über drei Jahreszeiten. Dennoch war sie dort wohl weniger schwer und die Niederschlagsmenge lag oberhalb des 100-jährigen Minimums.

Bei extremen Dürren spielt die Bodenfeuchte eine wichtige Rolle. Das Verdunsten von Wasser benötigt eine Menge Energie und beim Verdunsten findet quasi keine Temperaturänderung statt. Die Energie steckt sozusagen im Wasserdampf und wird erst wieder beim Kondensieren freigesetzt, deswegen auch der Name der latenten Wärme. Fehlt dem Boden nun das Wasser kann nichts mehr verdunsten und somit geht die eintreffende Energie der Sonne direkt in fühlbare Wärme über, also der Lufttemperatur. Ähnlich verhielt es sich auch 2003 als der Boden extrem trocken war und die Hitzewelle beförderte.

Schon im Jahr zuvor 1539 kündigte sich südlich der Alpen die Hitze im Norden an. In Italien war es im Winter trocken und ungewöhnlich warm. Trockenheit im Süden ist nicht selten ein Vorbote für Hitze im Norden. Eine meteorologische Besonderheit ließ in Mitteleuropa den Schnee ausbleiben, wobei Russland über den andauernden Schnee und Regen klagte. War das Fehlen von Schnee und Eis im Winter noch praktisch, wunderte man sich später im Jahr immer mehr über den andauernden Sonnenschein und klare Nächte. Der Boden trocknete aus und bildete enorme Risse. Das Fehlen der Bodenfeuchte ließ beförderte die Katastrophe umso mehr. Dreimal so viele Tage wie üblich lagen 1540 bei über 30 Grad. Erst traf es Tiere, dann Menschen auf Feldern, Weinbergen, etc.. Unklar wieviel Menschen wirklich dabei umkamen. Zieht man den Vergleich zu 2003, wobei wohl 70000 Menschen, trotz modernster Technik, ihr Leben lassen mussten, kann man übles erahnen.

Wasser war ein knappes Gut. Sogar große Flüsse hatten so wenig Wasser wie nie zuvor. Selbst den Rhein und die Elbe soll zu Fuß passierbar gewesen sein. Der Bodensee hatte so wenig Wasser, dass die Insel Lindau mit dem Festland verbunden war. Bestätigt wird dies durch fränkische Landwirte, die nur 19 Tage mit Regentropfen verzeichneten. Dies führte dazu, dass die Ernte vertrocknete. Ebenso führte dies zu Wald- und Buschbränden, die auch auf Städte übergriffen.

Das Jahr 2003 wird gerne als Indikator für einen anthropogen verursachten Klimawandel hergenommen. Das aber bereits 1540 ein schlimmeres Ereignis stattgefunden hatte relativiert das ein wenig. Es zeigt, dass die natürliche Variabilität immer noch eine Amplitude aufweisen kann. Was bedeutet dies allerdings für die Zukunft?

Auf der einen Seite zeigen bisherige Klimaprojektionen, dass Hitzewellen mit höherer Frequenz, Intensität und Dauer auftreten können. Auf der anderen Seite konnte kein Klimamodell bisher die extreme Hitze und Dürre von 1540 simulieren. Das lässt vermuten, dass Klimamodelle im Moment nicht in der Lage sind derartige Extremereignisse zu simulieren. Da die Projektionen aber zeigen, dass der anthropogen verursachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für außerordentliche Hitzewellen erhöht, erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit dass sich die Situation von 1540 wiederholen könnte. Die Folgen mag man sich kaum ausmalen. Atom-, Stein- und Braunkohlekraftwerke sind abhängig vom Flusswasser. Schon 2003 zeigten sich Engpässe in der Stromversorgung durch die Hitze, da Kraftwerke nicht mehr entsprechend gekühlt werden konnten. Es ist anzuzweifeln, ob man auf eine ähnliche Hitzewelle und Dürre vorbereitet ist.

Das Jahr 1540 hatte aber wenigstens etwas gutes. Durch die Hitze entstand Wein mit extrem hohem Zuckergehalt und gilt als “Jahrtausendwein”. Bereits im August wurde der Wein in Würzburg geerntet und soll im Glas aussehen wie Gold. In der Schatzkammer des Bürgerspital Weingutes soll noch eine Flasche des 1540er Steinweins liegen.