Blutiges Clickbaiting

Für Freitag war er angekündigt worden, der „Blutregen“. Bild Online verwies mehrmals darauf, auch auf Wetteronline tauchte er immer wieder auf, worauf es in den sozialen Medien immer wieder hochgekocht wurde. Selbst die Süddeutsche sprach davon, also musste ja doch was dran sein, oder? Und was ist das überhaupt dieser Blutregen?
Das Wetter kann immer wieder schön faszinieren sein, denn kann der Staub der Sahara das Wetter bei uns beeinflussen, obwohl die Wüste etwa 3000km entfernt von uns liegt? Ja er kann! Immer mal wieder kann Mineralstaub, der in der Sahara aufgewirbelt wird bis zu uns nach Mitteleuropa transportiert werden. Es ist ein eher seltenes Ereignis, aber eigentlich auch nichts total ungewöhnliches.

 

Die Sahara selbst ist ein großes Reservoir für Sand, der dort nur wartet aufgewirbelt zu werden. Wie viel letztendlich aufgewirbelt wird hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem vom Bodentyp (und Bodenfeuchte) sowie von der Windgeschwindigkeit, die dafür sorgt je höher sie ist, desto mehr wird letztendlich aufgewirbelt. Für gewöhnlich ziehen Tiefdruckgebiete eher nördlich der Alpen vorbei und dominieren das Wetter hier in Mitteleuropa. Jetzt kann es allerdings sein, dass ein Tiefdruckgebiet im Mittelmeerraum entsteht und dadurch die Möglichkeit besteht, dass Staub aus der Sahara zumindest bis weit in den Mittelmeerraum, sagen wir mal bis zum Alpenbogen transportiert wird. Bei besonders ausgeprägten Tiefdruckgebieten, also hohe Windgeschwindigkeiten und hohe Langlebigkeit kann es auch sein, dass Mineralstaub bis über die Alpen bis Norddeutschland transportiert wird.

 

Das ist mitunter ein Grund dafür, dass Mineralstaub die Wettervorhersage immens stören kann. Obwohl ein sonniger, milder Tag vorhergesagt wird, kann es sein dass dies gar nicht eintrifft, da der Einfluss des Mineralstaubs auf das Wetter in den Vorhersagemodellen nicht berücksichtigt wird.

 

Jetzt wurde für Freitag letzte Woche in manchen Internetauftritten großspurig von Mineralstaub und Blutregen berichtet, der auch Deutschland betreffen würde. Überschriften und Texte ließen prinzipiell eigentlich nur einen Schluss zu: Deutschland würde ab Freitag rot gefärbt sein. Dabei kann man vorab schon sagen es war bei weitem übertrieben im Nachhinein, aber es war auch schon vor Freitag abzusehen, dass es nichts mehr war als übertriebene Klickhascherei und Verbreiten von Halbwissen.

 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Zuge eines Mineralstaubereignisses die Autos von Staub bedeckt sein können. Dafür müssen aber mehrere Bedingungen eintreten. Die erste und wichtigste ist selbstredend der Staub, der bis nach Deutschland verfrachtet werden muss. Dies war zwar der Fall für Freitag, aber auch nur für den Osten und Südosten. Das folgende Bild zeigt die Staubverteilung über Europa und zwar die Verteilung der Gesamtsumme Staub in einer vertikalen Säule. Dort erkennt man gut, dass nur über Ost- und Südostdeutschland Saharastaub vorhanden ist, aber eben nicht über Gesamtdeutschland.
 
Vertikal integrierte Staubmenge
Quelle: http://forecast.uoa.gr

 

Jetzt ist der Staub zwar in der vorherigen Grafik in einer vertikalen Säule zu sehen, aber heißt das auch gleich, dass man ihm am Boden findet? Nein, da die erste Grafik nur die Summe innerhalb einer vertikalen Säule zeigt, aber nicht wo der Staub sich in der Höhe befindet. Es könnte also gut sein, dass der Staub sich in Bodennähe aufhält, aber es könnte genauso gut sein, dass der Staub sich in viel größeren Höhen befindet und trotzdem würde die erste Grafik ein und dasselbe darstellen. Dafür kann man innerhalb des Modells anschauen, wie viel Staub sich in Bodennähe befindet. Gleicher Vorhersagezeitpunkt, aber die Konzentration (jetzt betrachtet man ein Volumen in Bodennähe) nahe des Bodens zeigt einem, dass Bodennah kein Staub in Deutschland zu finden ist.

 

Vertikal integrierte Staubmenge
Quelle: http://forecast.uoa.gr

 

 

Machen wir das Gedankenexperiment, es würde sich dennoch Bodennah etwas Mineralstaub befinden, so wie etwa über Italien. Dann kann sich Mineralstaub auf dem Boden, und sich auf dem Boden befindlichen Gegenstände, absetzen. Das nennt sich trockene Deposition, also ein Prozess, bei dem sich langsam die Partikel aus der Luft auf dem Boden absetzen. Das heißt, die Partikel schweben langsam zu Boden, ähnlich ihrem Hausstaub, der allmählich zu Boden sinkt. Allerdings wenn sie ein Kissen aufschütteln oder ähnliches wird dieser auch wieder herum gewirbelt. Ähnlich ist es auch beim Mineralstaub, was im Umkehrschluss heißt, es benötigt sehr ruhiges Wetter, dass dieser sich durch trockene Deposition auf den Boden nieder setzt.

 

 

 

Vertikal integrierte Staubmenge
Quelle: http://forecast.uoa.gr 

 

 

Allerdings gibt es noch eine Art wie der Mineralstaub aus der Luft zum Boden gelangen kann, die nasse Deposition, was nichts anderes heißt, dass der Staub durch Niederschlag ausgewaschen wird. So kann zum Beispiel Regen den Staub aus jeder Höhe die er passiert mit sich bis zum Boden führen, wodurch sich der Staub schön auf den Autos niederschlagen kann. Allerdings ergaben die Modellrechnungen, ebenfalls für den gleichen Vorhersagezeitpunkt, wie man in der nächste Grafik sehen kann kein Mineralstaub am Boden durch nasse Deposition.

 

 

Vertikal integrierte Staubmenge
Quelle: http://forecast.uoa.gr  

 

 

Damit also Mineralstaub am Boden ankommt, muss mindestens einer der beiden Depositionsarten erfüllt sein. Aber die Modellrechnungen des griechischen Modells deutete darauf hin, dass für Deutschland keine erfüllt ist. Für Deutschland sollte am Freitag also kein Staub den Boden erreichen. Natürlich kann man dem jetzt entgegenhalten, dies sei nur eine Modellrechnung eines Modells. Aber auch andere Modelle deuteten darauf hin, dass wenn es überhaupt einen sogenannten „Blutregen“ geben würde es in der Hauptsache Südostdeutschland treffen könnte.

 

Von daher wurde eigentlich bewusst mit falschen Überschriften gelockt und argumentiert. Auf Bild Online wird mit der Überschrift gelockt „Am Freitag kommt der Blutregen“, wobei im Text irgendwann erwähnt wird: „Am Freitag kommt der Blutregen und erreicht den Südosten Deutschlands.“ Allerdings bleibt der ganze Text sehr vage. Dominik Jung erläutert zwar, dass ein Tief „für den Transport der Luft inklusive Staub bis weit nach Europa sorgt“, aber weit mehr erfährt der Leser auch nicht. Zudem wird in diesem Artikel ein Wolkenbild mit dem Untertitel „Ein Staubwolke, die aus der Sahara Sand mit sich führt (Archivbild)“ gezeigt, dass mit Sicherheit keine Staubwolke zeigt. Vielleicht eher ein Altostratus, aber keine Staubwolke. Wobei diese Begrifflichkeit hier eigentlich auch total falsch ist, da eine Staubwolke eine Wolke aus Staub ist und nicht eine Wolke aus Wolkentropfen (was man eigentlich auf dem Bild sieht).

 

Auf welt.de gibt man sich schon etwas differenzierter, aber auch hier heißt es: „[…] sowie in Süddeutschland sollen große Mengen des rötlichen Staubs in der Atmosphäre zu finden sein.“ Wie oben angesprochen, kann der Staub zwar in der Atmosphäre vorhanden sein, aber das heißt noch lange nicht zwingend, dass er auch unten ankommt. Weiter wird Dominik Jung hier zitiert: „Stellenweise wird der Staub allein durch die Schwerkraft ausfallen, im Südosten Deutschlands aber wird auch Regen erwartet“. Was der erste Teil des Satzes für Deutschland bedeutet bleibt eigentlich unklar, aber es wird suggeriert, dass Staub durch trockene Deposition in Deutschland auf den Boden gelangt, was aber nach den Berechnungen von oben nicht der Vorhersage entspricht. Der zweite Teil des Satzes lässt den Zusammenhang zum Staub völlig offen, ob es sich dann um nasse Deposition handelt oder nicht. Zudem wird im Text davon gesprochen, dass Meteorologen dann von Blutregen sprechen. Vielleicht macht das Dominik Jung, aber im allgemeinen wird wahrscheinlich eher von nasser Deposition gesprochen, als von Blutregen.

 

In der Online Ausgabe der Berliner Zeitung www.berliner-zeitung.de zieht in der Überschrift die Sahara-Staubwolke auch über Deutschland. Zudem wird das gleiche Zitat von Dominik Jung wie auf welt.de komplett übernommen, aber komplett ohne Kennzeichnung, dass es sich um ein Zitat handelt.

 

Falls nicht das eintritt was man nicht richtig vorhergesagt hat kann man sich das auch schön hinbiegen, so wie es dann auch der „Wetterexperte“ Dominik Jung auf seinem Twitter-Account gemacht hat, wo er freitags ein Bild zeigt mit den Worten: „Nein, beim Phänomen "Blutregen" fällt kein Blut vom Himmel. Nur Sahara-Staub, wie heute z.B. im Südosten #Waschzeit. Allerdings zeigt dieses Bild wohl ein Bild aus Malta und wurde schon einen Tag zuvor aufgenommen, wie es auch in dieser Pressemitteilung heißt:

 

Link zur Pressemitteilung

 

Genau genommen war das ganze viel heiße Luft um nichts und leider gibt es Medien, die so etwas blind übernehmen und auch Experten die sich für so etwas hergeben, auch wenn sie nachher wahrscheinlich die Schuld von sich weißen, dass sie nichts dafür können wenn die Medien so davon berichten. Man kann nur auf Besserung hoffen.

 

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