Das neue Normal

Das neue Normal ist das Alte zu warm. Nach jedem Ende eines Jahrzehnts werden die Klimareferenzperioden angepasst. Ein sich schnell erwärmendes Klima birgt die Gefahr, dass es nicht immer so einfach sein wird folgendes zu vermitteln: was ist denn nun normal.

Um das aktuelle Wetter, die aktuelle Witterung, einen Monat, die Jahreszeit oder ein ganzes Jahr einzuordnen, werden in der Meteorologie und Klimatologie Normalperioden verwendet. Damit wird eine Referenz geschaffen, mit der das aktuelle Geschehen besser eingeordnet werden kann. Diese Referenz wird aus 30 Jahren vorhandenen Daten gebildet. Innerhalb dieses Zeitraums werden die verschiedensten Größen gemittelt. Daran lassen sich wiederum (momentane) Abweichungen einordnen, ob eine Größe, wie zum Beispiel die mittlere Jahrestemperatur, besonders stark von der Normalität abweicht oder eben eher normal ist.

In den Anfängen hatte man sich auf nicht überlappenden Normalperioden geeinigt. So sollten die Jahre 1901-1930, 1931-1960, 1961-1990, 1991-2020 usw. verwendet werden, sofern Daten zur Verfügung standen. Dahinter steckt die Idee eines Klimas des Gleichgewichts, also ein auf einen gewissen Wert bzw. Zustand konvergierendes Klima. Momentane Abweichungen schwanken also um diesen Klimazustand.

Mit einem sich ändernden Klima änderte sich auch diese Denkweise. Die World Meteorological Organisation (WMO) empfiehlt eine Anpassung an das aktuellere Klima. Die Normalperioden sollen nun häufiger aktualisiert werden und damit auch den sich veränderten Aspekt des Klimas abbilden. So soll immer die 30 jährige Periode verwendet werden, deren Ende durch die 0er Jahre definiert ist, welche am nächsten zum aktuellen Jahr liegen. Im Jahr 2019 und 2020 war es also noch die Periode 1981-2010. Jetzt im Jahr 2021 ist es die Periode 1991-2020.

Was zwar auf den ersten Blick durchaus Sinn macht, kann in der Kommunikation ungewollte Probleme verursachen. Die einfache Einordnung “Es ist wärmer/kühler als normal” wird in einer schnellen Klimaveränderung problematisch und kann für Verwirrung oder sogar Zweifel sorgen. Betrachtet man die letzten vier Normalperioden (1961-1990, 1971-2000, 1981-2010, 1991-2020) für die mittlere Jahrestemperatur in Deutschland, sieht man sehr deutlich die durchaus dynamische Entwicklung.

Entwicklung Jahresmitteltemperatur in Deutschland mit den vier letzten Normalperioden
Entwicklung Jahresmitteltemperatur in Deutschland mit den vier letzten Normalperioden

Jede Normalperiode ist wärmer als ihre vorangehende Normalperiode. Das heißt das neue Normal wird zum alten zu warm. Was früher normal war, ist heute schon zu kalt. Die Periode 1991-2020 ist ungefähr ein Grad wärmer als es noch die Periode 1961-1990 war. Die stärkste Erwärmung fand im Sommer statt, während die mittlere Temperatur im Herbst weniger schnell anstieg.

Änderung der Normalperiode 1961-1990 und 1991-2020
Änderung der Normalperiode 1961-1990 gegenüber der Normalperiode 1991-2020 nach Jahr und Jahreszeiten

Warum kann dies nun problematisch sein? Einerseits, muss man sich immer darauf verlassen, dass alle über die Kanäle präsentierten Daten mit der gleichen Normalperiode verglichen werden. Es bringt wenig, wenn zum Beispiel ein Dienst noch die Normalperiode 1981-2010 verwendet, während ein anderer schon auf die Periode 1991-2020 zurückgreift, ohne diese jeweils explizit zu nennen. Da sich beide Normalperioden bereits deutlich voneinander unterscheiden, würde es zwangsläufig Unterschiede in den genannten Abweichungen geben. Da sich die Abweichungen deutlich voneinander unterscheiden werden, wird sich der Zweifel nähren und es bleibt die Frage wer von beiden nun die Wahrheit sagt. Gerade weil beide einen Satz fallen lassen würden wie: “Eine Abweichung um X Grad als sonst üblich”. Letztendlich präsentieren zwar beide die Wahrheit, aber da sich beide auf verschiedene Normalperioden beziehen und unterschiedliche Ergebnisse präsentieren, wird dies Zweifel säen. Einer muss ja Unrecht haben.

Auf der anderen Seite kann sich ein gewisser “Normalisierungeffekt” bezüglich der Klimaerwärmung einschleichen. Es ist ja normal, dass es jetzt so heiß ist. Das suggeriert ja schon das Wort Normalperiode. Die anthropogen verursachte Klimaerwärmung ist völlig normal. Und verschleiert dadurch sogar in gewisser Weise die Erwärmung, denn früher war es einfach nur zu kalt. Durch diesen Normalisierungsprozess kann es möglicherweise zu einem Effekt kommen, durch den für eine Vielzahl von Menschen die Klimaerwärmung als etwas völlig normales vorkommt. Wobei das bedrohliche Potential einer globalen Erwärmung weit in den Hintergrund rückt. Ein Normalisierungsprozess, der nötige Anstrengungen konterkarieren könnte.

Und man kann damit bewusst Zweifel streuen. Diejenigen, die die menschengemachte Erwärmung leugnen oder verharmlosen, könnten diese Normalperioden bewusst so einsetzen und behaupten, es gäbe keine Klimaerwärmung (mehr). Sollte ein zwei Jahre hintereinander kühler sein als “normal”, so  wird sicherlich das Ende der Klimaerwärmung eingeläutet und zwar immer wieder von neuem (auch wenn dies wie immer nicht eintritt). Oder es wird behauptet die Erwärmung sei ja gar nicht so groß und sei übertrieben. Klar der Bezugszeitraum hat sich verschoben und der ist schon wärmer als der ursprüngliche. Natürlich wird nicht erwähnt, dass es sich um eine viel wärmere Normalperiode handelt als zuvor. Aber allein dem Zweck Zweifel zu säen, würde es dienlich sein. Das auch nach einer neuen, wärmeren, Normalperiode ein oder zwei Jahre mal kühler ausfallen könnten, ist kein Argument gegen die anthropogen verursachte Klimaerwärmung.

Wie also damit umgehen? Für die Wissenschaftskommunikation wird es schwierig sein, dies ordentlich zu vermitteln. Innerhalb eines normalen Wetterberichts wird kaum Platz sein, diesen Sachverhalt hinreichend zu erklären. Möglich wäre es sowohl den Bezug auf die aktuelle Normalperiode, sowie eine ältere Normalperiode zu nehmen, um dies in einem Kontext zu zeigen, wie sehr sich schon die Normalperioden unterscheiden. Allerdings ist dies für die Kürze eines normalen Wetterberichts zu aufwendig. Am Ende könnte nur noch mehr Verwirrung entstehen.

Einigen auf eine Normalperiode? Das wäre wohl am sinnvollsten. Die WMO empfiehlt für langzeitliche Beobachtungen immer noch die Normalperiode 1961-1990. Am besten wäre natürlich eine Normalperiode, die noch vor dieser liegen würde. Vorindustriell oder zumindest Anfang des 20. Jahrhundert wäre wahrscheinlich eine gute Wahl. Also in einem Zeitraum, in dem die Erwärmung noch nicht zu stark zum tragen kommt. Allerdings wird hier oft die Datenlage sehr dünn und es fehlt an Stationsmessungen.

Was bleibt also? Eine große Aufgabe für die Wissenschaftskommunikation.