Die Jahrhundertfluten

Bewahr' uns Herr / Vor Wasserfluten, / Lenk ' unser Streben / Stets zum Guten, / Behüt' die Heimat / Und das Leben, / Und bleib uns nah / Mit deinem Segen.

 

Dieses kleine Gedicht steht auf einer Gedenktafel in Neustadt an der Donau in Erinnerung an den folgenschweren Dammbruch der Donau am Pfingstmontag, den 24. Mai 1999. Die Wassermassen führten damals in Teilen Baden-Württembergs, Bayern, Vorarlberg und Tirol zu teils immensen Schäden. 2002 folgte dann die nächste „Jahrhundertflut“ in weiten Teilen Deutschlands. Schlimm traf es in Deutschland vor allem den Osten Deutschlands. 2005 folgte das Alpenhochwasser. Süddeutschland, allen voran Bayern hatte mit den Wassermassen zu kämpfen. Alles wurde als eine große Flut – Jahrhundertflut – deklariert. Jahrhundertflut, also alle hundert Jahre eine Flut dieser Größenordnung. Infolge dessen trat am 10. Mai 2005 das „Gesetz zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes“ in Kraft. Hierin sollten die Länder dafür sorgen entsprechenden Hochwasserschutz durchzuführen. So sollten mögliche Schäden die durch ein Hochwasser, dass statistisch alle 100 Jahre auftritt so weit wie möglich und verhältnismäßig verringert werden. Unter anderem sollte den Flüssen wieder Raum durch Rückhalteflächen/Flutungsflächen gegeben werden. Weiter sollten Deiche verbessert oder eine Rückverlegung stattfinden. Damit sollten die Anrainer geschützt werden.

Aber wie so oft klafft Planung und Wirklichkeit auseinander. Im Mai 2013 sorgten eine ungewöhnliche Häufung von Tiefdruckgebieten für einen außerordentlichen nassen Witterungsabschnitt. Ende Mai, Anfang Juli regnete es und regnete es. Die nasse Witterung zuvor und die daraus resultierenden nassen Böden sorgten dafür, dass kommen sollte, was kommen musste: die Pegel diverser Flüsse stiegen und mit den steigenden Pegeln kam das Hochwasser. Regenmengen von bis zu 400 mm innerhalb von vier Tagen am Alpennordrand sorgen für eine Jahrhundertflut der Donau. In den neuen Bundesländern führte vor allem die Saale ein Jahrhunderthochwasser. Teilweise war die Situation an Elbe und Saale kritischer als beim Elbhochwasser im Jahr 2002.

Und jetzt schon wieder eine Jahrhundertflut? Die letzte war doch erst vor elf Jahren? Die nächste sollte dann doch erst in hundert Jahren auftreten. Mit dieser Denkweise legt man sich die Häuser schön mit Parkett aus, anstatt mit Fließen, die in Überschwemmungsgebieten sinnvoller wären und bezahlt anschließend die Rechnung dafür. Statistik ist teilweise eine sehr trügerische Angelegenheit. Alle hundert Jahre heißt nicht, dass ein derartiges Hochwasser auftritt und dann erst wieder in einhundert Jahren. Genau genommen kann eine solche Jahrhundertflut schon wieder im darauf folgenden Jahr auftreten, sogar ein paar Monate später. Danach kann es aber sein, dass eine vergleichbare Flut über 50 Jahre nicht mehr auftritt, oder über 100 Jahre nicht.

In Bayern und in den neuen Bundesländern sorgte das Hochwasser 2013 für teils enorme Schäden. In Bayern traf es Deggendorf besonders hart. Am 4. Juni brach dort ein Damm und die Wassermassen fluteten die Ortsteile Fischerdorf und Natternberg. Schon am Tag zuvor wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Tausende Menschen wurden evakuiert. Durch den unermüdlichen Einsatz von Feuerwehr, THW, Bundeswehr und dutzender Freiwilligen konnte im Landkreis Deggendorf weitere Dammbrüche verhindert werden. Erst am 18. Juni konnten die letzten Einwohner der betroffenen Ortsteile ohne Boot wieder zurück zu ihren Häusern gelangen. Die Aufräumarbeiten sollten erst beginnen. Ersten Schätzungen zu folge richtete das Hochwasser allein im Landkreis Deggendorf 500 Millionen Euro an.

Besonders hart traf es auch die „Dreiflüssestadt“ Passau. Hier fließen die drei Flüsse Donau, Inn und Ilz zusammen. Es mag zwar einen romantischen Reiz haben, genauso lauert aber die Gefahr bei Hochwasser abzusaufen. 1954 erreichte der Pegel in Passau einen Stand von 12,20 m. 2013 erreichte das Hochwasser einen Pegelstand von 12,89 m. Die Flut hatte in Passau 800 Häuser beschädigt. Etwa 5000 Menschen waren betroffen. Zeitweise musste die Trinkwasserversorgung unterbrochen werden. Der Schaden wird auf mindestens 30 Millionen Euro geschätzt. Mehr als doppelt so viel wie 2002.

Auch Sachsen und Sachsen-Anhalt traf es besonders heftig. Abschnittsweise wie schon 2002. So drohte Bitterfeld beim Hochwasser 2013 abzusaufen. Eigentlich ist Bitterfeld und Wasser eine Erfolgsstory. Einst trug sie den Titel „dreckigste Stadt Europas“, hatte sich dann rein gewaschen. Zu DDR-Zeiten wurde Bitterfeld zum Symbolbild von gefährlicher Umweltverschmutzung. Nach der Wende entstand dort ein riesiges Erholungsgebiet. Tagebaulöcher die an die Stadt angrenzen wurden mit Wasser gefüllt. Bei schönem Wetter ist der Goitzschesee und der angrenzende Seelhausener See ein Touristenmagnet. Die Gefahr aber lauert hinter den beiden Seen. Dort fließt die Mulde und wenn diese über die Ufer tritt, strömt das Wasser in die neu angelegten Seen. Da in der DDR der Fluss umgeleitet wurde, um noch mehr Kohle zu fördern, sucht sie bei extremen Hochwasser ihren alten Lauf. Das ist das bittere Schicksal von Bitterfeld, denn Bitterfeld liegt am westlichen Ufer „der Goitzsche“, das ausgerechnet den niedrigsten Punkt des Areals markiert. Falls der See überschwappt läuft Bitterfeld voll wie eine Badewanne. Auch die höhere Lage des Seelhauser Sees gegenüber dem Goitzschesee ist nicht gerade die beste Vorraussetzung für die Lage von Bitterfeld während eines Hochwassers . Sollte der Seelhauser See voll laufen und die schmale Landbrücke zwischen den beiden Seen brechen wird Bitterfeld von einer Flutwelle überrollt. 2002 hatte Bitterfeld noch das Glück, dass die Tagebaulöcher, die noch leer waren und eigentlich erst bis 2006 künstlich geflutet werden sollten, voll mit Wasser liefen und auf diese Art als rettende Polder wirkten. Das Wasser was noch kam breitete sich in Bitterfeld aus. 2013 standen die rettenden Polder nicht mehr zur Verfügung, vorsorglich wurden 10000 Menschen evakuiert.

Das sich Geschichte wiederholen kann zeigte sich dramatisch in der sächsischen Stadt Grimma. Die beschauliche Stadt liegt an der Mulde, die 2002 auch hier über ihre Ufer trat und zahlreiche Häuser der Altstadt stark beschädigte oder zerstörte. Es ist auch die Stadt in der Gerhard Schröder mit Regenjacke und Gummistiefeln bekleidet das Ausmaß des Hochwassers in Augenschein nahm, was ihm wahrscheinlich damals die Wiederwahl sicherte. Nach dem Elbhochwasser 2002 wollte die Stadt ihre Bewohner mit einer Hochwasserschutzmauer vor Schäden einer weiteren Jahrhundertflut bewahren. Entlang des Flussufers sollte sie verlaufen, aber bis heute steht die Mauer noch nicht. Elf Jahre sind vergangen und eine zwei Kilometer lange Schutzmauer steht noch nicht einmal zur Hälfte. Bürger hatten den Bau durch ihre Proteste verzögert. Die Mauer sei eine „Verschandelung des historischen Stadtbildes“. Vier Jahre vergehen bis die Planung und der Bau der Schutzmauer genehmigt wird. Seit 2007 wird an der Mauer gebaut, die halb fertig ist. Und dann kommt die Flut.

Es ist ein groteskes Bild einer Gemeinschaft, die sich auf der einen Seite gegenseitig während des Hochwassers Hilfe leistet, auf der anderen Seite die Not vielleicht erst entstanden ist durch dieselben Bürger, die gegen ein Projekt der Gemeinschaft protestiert hatten. Auch in Bitterfeld zeigt sich ein groteskes Bild. In Sachsen-Anhalt, wo Bitterfeld liegt, halten die Dämme, in Sachsen aber nicht. Für Bitterfeld ist dies von höchster Bedeutung, denn die Landesgrenze geht durch den Seelhausener See. So sollten nach 2002 Polderflächen, die das Hochwasser aufnehmen könnten, geschaffen werden, aber über Jahre hinweg verlor man sich im verwaltungstechnischen Klein-Klein zwischen zweier Bundesländer und insgesamt hängt der Hochwasserschutz weit hinter her.

Auf der anderen Seite muss man sich auch wieder fragen, warum hängt der Hochwasserschutz hinter her oder warum ist er nicht effektiv genug? Obwohl doch so viel investiert wurde. Man muss unterscheiden zwischen zwei Arten von Hochwasserschutz – den technischen Hochwasserschutz und den natürlichen Hochwasserschutz. Viele Millionen wurden zwar in den letzten Jahren in Hochwasserschutz investiert. Aber hauptsächlich in den technischen Hochwasserschutz. Also wurden Deiche verstärkt und erhöht, sowie Hindernisse für das abfließende Wasser entfernt. Dieser Schutz ist schnell gemacht und leicht können Politiker sich vor Ort präsentieren und feiern lassen. Allerdings ist es nicht immer die beste Lösung. Das Bauen höherer und stärkerer Dämme verlagert die gefährliche Flut des Hochwasser weiter flussabwärts. Zudem bewirkt es, dass die Scheitel der Hochwasser schneller flussabwärts vorankommen und dort die Anrainer gefährden. Man müsste dort also noch höhere Dämme bauen. Aber wie schon zuvor verlagert sich nur das Problem. Den Erhalt des natürlichen Rückhalts ist politisch schwerer durchzusetzen, denn er ist mit Verzicht verbunden. Natürlicher Hochwasserschutz ist mit Maßnahmen zur Entsiegelung von Flächen und dem Rückverlegen von Deichen verbunden, mit der Förderung der natürlichen Gewässerentwicklung, wie z.B. der Flussrenaturierung und dem Erhalt und Schaffen von Augebieten. Das heißt aber auch weniger Platz für neue Straßen und Siedlungsgebieten. Auch Bauern können die Leidtragenden sein, wenn sie ihr Land zur Überflutungsfläche freigeben sollen. Auch sie muss man erst davon überzeugen, zum Wohle der Gemeinschaft. Kein beliebtes Feld für Politiker. Nicht selten sind die Katastrophen hausgemacht.

Das Hochwasserschutz auch erfolgreich und sinnvoll sein kann zeigt ein Beispiel aus Immenstadt, Bayern. Dort war die Iller im Bereich Immenstadt von beiden eingedeicht, um den stark besiedelten Talraum vor Hochwasser zu schützen. Die Maßnahmen waren auf ein 100jähriges Hochwasser ausgerichtet. Beim Pfingsthochwasser 1999 führte die Iller ein 300jähriges Hochwasser und überstieg damit die Schutzmaßnahmen bei weitem. Die Folge waren enorme Schäden an Wohnhäusern, Gewerbe, öffentlichen Einrichtungen und der Infrastruktur. Die Schäden betrugen hier etwa 15 Millionen Euro. Danach wurde relativ schnell gehandelt. Der Hochwasserschutz sollte verbessert werden und Überschwemmungsgebiete optimiert werden. Nun sollte ein 300jähriges Hochwasser überstanden werden. Im Jahr 2001 wurden die Baumaßnahmen begonnen, 2004 waren sie abgeschlossen. Die Iller wurde auf über 3,6 km von ca. 40 m auf 65 m aufgeweitet. Vier Kilometer Deich wurde saniert. Ein Rückhaltebecken für 250.000 Kubikmeter Wasser wurde geschaffen. Und es wurde eine 250 m lange Leitbuhne (Konstanzer Ach) hergestellt. Die Gesamtkosten dieser Maßnahmen beliefen sich auf 12 Mio. Euro, deutlich weniger als die Schäden die das Pfingsthochwasser von 1999 verursachten. Und die Schutzmaßnahmen sollte sich bezahlt machen. Beim Hochwasser 2005 blieb Immenstadt eine ähnliche Katastrophe wie 1999 erspart. Insgesamt wurde nach dem Pfingsthochwasser 1999 viel in den Hochwasserschutz an der Oberen Iller gesteckt und Immenstadt ist nur ein Beispiel. Hier wurde nicht nur auf technischen Hochwasserschutz gesetzt. Die Strategie des bayerischen Hochwasserschutzes bestand aus drei Handlungsfeldern: dem natürlichen Hochwasserschutz, also vorbeugenden Hochwasserschutz, dem technischen Hochwasserschutz und weitergehende Hochwasservorsorge. Obwohl das Hochwasser 2005 das von 1999 überstieg, bewährte sich die Strategie und verhinderte 2005 höhere Schäden als 1999.

Die Fälle zeigen, wie notwendig es ist, sich nicht nur auf technischen Hochwasserschutz zu verlassen, auch wenn es für Politiker bedeutet unliebsame Entscheidungen zu treffen. Aber auch der Fall von Deggendorf zeigt deutlich wie es der Immenstädter Bürgermeister dieses Jahr ausdrückte: „Einen absoluten Hochwasserschutz gibt es nicht.“