Der bisherige meteorologische Sommer hatte es in Deutschland bereits in sich. Eine Hitzewelle bahnte sich ihren Weg durch Europa. In Frankreich wurden Temperaturen weit über 40°C erreicht. Am letzten Juniwochenende erreichte die Hitzewelle dann Deutschland und sorgte für Allzeitrekorde. Allzeitrekorde, die so früh im Juni fallen sind mehr als ungewöhnlich, denn eigentlich werden die höchsten Temperaturen eher im Juli und August erreicht.
Hitzewellen wie die jetzige, bei der derartig hohe Temperaturen erreicht werden, sind klare Indizien für die voranschreitende globale Klimaerwärmung. Dennoch wird immer wieder verharmlost und heruntergespielt. Gängige Argumentation ist: „Das gab es doch schon früher“. Oftmals wird ein „Stellt euch nicht so an!“ wahlweise voran oder hinterher geschoben.
Aber so einfach ist diese Argumentation nicht und unterschlägt wesentliche Dinge. Es geht nicht darum, ob es bereits (irgendwann) mal in der Vergangenheit vorgekommen ist, sondern darum wie häufig und im Falle der Temperaturen auch wo diese aufgetreten ist.
Ziehen wir zunächst mal einen Vergleich zu Verkehrstoten und den Einfluss des Anschnallgurtes. Nachfolgende Abbildung zeigt die Entwicklung der Verkehrstoten in Deutschland im Verlauf der Jahre. In der heutigen Zeit gibt es ungefähr 2700 Verkehrstote pro Jahr, also fast 7 Tote pro Tag. In der Spitze in den 1970er Jahren gab es fast 20.000 Tote pro Jahr, über 50 Tote pro Tag. Eine ungeheure Zahl eigentlich.
Verkehrstote seit 1950. Datenquelle: https://de.statista.com/; Eigene Darstellung.
Wie konnte die Zahl so drastisch gesenkt werden? Durch Sicherheitsmaßnahmen, wie den Anschnallgurt. Nach seines standardmäßigen Einbaus und der Pflicht zum Anschnallen, sanken die Zahlen der Verkehrstoten kontinuierlich. In den 1980ern wurde bei Missachtung der Gurtpflicht ein Bußgeld eingeführt, welches zu einer weiteren Reduktion geführt hatte. Nach der Wiedervereinigung gab es einen sprunghaften Anstieg, aber aufgrund der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Sicherheitsmaßnahmen (z.B. Airbag, ABS, usw.) sank die Zahl über die Jahre immer weiter ab.
Was hat das jetzt mit der Aussage „War ja früher schon so!“ zu tun? Kein vernünftig denkender Mensch würde, aufgrund der Tatsache, dass es früher schon Verkehrstote gab, all die Sicherheitsmaßnahmen, angefangen beim Sicherheitsgurt, zurückzunehmen und sich die Zeiten wie in den 1970ern zurückwünschen („Es gab ja schon früher Verkehrstote!“). Die Wahrscheinlichkeit heute im Verkehr zu sterben ist geringer als in den 1970ern und das ist auch gut so.
Bei den extremen Temperaturen verhält es sich genau umgekehrt. Wenn man so möchte, hat die Menschheit ein paar Maßnahmen getroffen, wodurch sich die Erde global erwärmt: sie reichert sie mit Treibhausgasen an. Durch den Erwärmungstrend steigen auch extreme Temperaturen und halten gleichzeitig länger an. Eine Folge davon sind Extremtemperaturen, die seit Messbeginn noch nicht gemessen wurden.
Die 1970er sind im vorherigen Beispiel auch nicht ganz ohne Grund gewählt. Oft kursiert eine Schlagzeile der Bild die aus dem Jahr 1975 stammen soll. Dort steht „37 Grad – Es bleibt so heiß!“ und damit soll bewiesen werden, dass es solche Temperaturen schon früher gab und die Klimaerwärmung nur erfunden sei. Nur zeigen die Klimastationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für den Sommer 1975 keine Werte über 37°C. Die höchste Temperatur von 35,4°C wurde in Ahrensburg-Wulfsdorf in Schleswig-Holstein gemessen. Fairerweise erweitern wir den „Suchradius“ und tatsächlich wurden 1976 an einigen Klimastationen des DWDs um 37°C gemessen. Aber wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, dann ist ein Messwert aus der Vergangenheit noch kein Beweis dafür, dass es die Klimaerwärmung nicht gibt.
Viel krasser erscheint eine weitere Überschrift (auch wieder von der Bild): „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“. Sie stammt aus dem Jahr 1957. Die 56°C erscheinen erstmals heftig, aber ist (ganz Bild-Manier) irreführend. Denn schon damals zählt nur die „Clickbait“, denn die 56°C wurden in einer Bahnhofsuhr gemessen, was alles andere als eine ordnungsgemäße Messung an einer Klimastation ist. Dann könnte man auch gleich im Backofen messen. Der hatte früher sicher auch schon 200°C.
Während der aktuellen Hitzewelle wurden nun verbreitet über 40°C gemessen. Verbreitet heißt hier nicht an einzelnen Stationen wie zuvor. Neue Juni Allzeitrekorde fielen reihenweise an den Klimastationen des DWDs. Allzeitrekorde heißt hier die höchste gemessene Temperatur an einer Station. Auch der deutschlandweite Allzeitrekord wurde gebrochen.
Die ersten 40°C tauchen im Jahr 2003 auf, welcher damals als Jahrhundertsommer galt. Quasi als Benchmark für viel später zu erwartende Hitzewellen. Die ersten 40°C wurden damals im August erreicht. Die nächsten 40°C wurden im Jahr 2015 erreicht, damals in Kitzingen bereits im Juli. Aber es war immer noch nur vereinzelt. Die nächsten Allzeit „40er“ wurden dann im Jahr 2019 erreicht, diesmal deutlich mehr Stationen. Am 25. Juli erreichten die Stationen Tönisvorst und Duisburg-Baerl mit 41,2°C die höchste Temperatur in Deutschland seit Beginn der Messung.
Dann kam das besagte Juniwochenende 2026. An zahlreichen Stationen wurden die Allzeitrekorde gebrochen. In Drewitz bei Burg wurde die bisher höchste Temperatur in Deutschland mit 41,8°C gemessen. Und das bereits im Juni. Es wurde noch nie so eine hohe Temperatur gemessen und dann auch noch so früh. Kitzingen erreichte in der jetzigen Hitzwelle das erste Mal in seiner Messhistorie drei Tage hintereinander über 40°C.
Auffällig ist natürlich, dass alle Tage mit über 40°C erst in den 2000ern gemessen wurden. Die besonders extremen Temperaturen traten also erst jetzt auf. Es ist die Klimaerwärmung, die mit ihrer vollen Härte zuschlägt. Bedingungen wie sie früher waren herrschen nicht mehr, das Klima in Deutschland ist bereits ein anderes, nicht erst in ferner Zukunft.
Man könnte vielleicht noch argumentieren, die Zeitreihen einzelner Stationen seien zu kurz. Drewitz bei Burg hat tatsächlich eine vielleicht relativ kurze Zeitreihe. Sie beginnt im Jahr 1993. Kitzingen hingegen hat eine Zeitreihe, die bis in das Jahr 1982 zurück reicht. Wie sich die Temperaturen mittlerweile verändert haben, sieht man allerdings gut, wenn man auf die Station Potsdam blickt.
Diese hat eine sehr lange Zeitreihe, die bis ins Jahr 1893 zurück reicht. Messungen wurden sogar in den Kriegsjahren durchgeführt. In dieser langen Zeitreihe gab es bisher keinen Tag über 40°C, bis zum 27. Juni 2026. Wertet man zudem verschiedene Kenntage bezüglich der Tagesmaxima aus, nehmen alle Kenntage zu.
Kenntage in Potsdam 1893–2026. Quelle: DWD; Eigene Auswertung.
Sommertage, also Tage mit einer maximalen Temperatur über 25°C, nehmen kontinuierlich zu. Waren in Potsdam im Mittel von 1893 bis 1950 etwa 35 Sommertage pro Jahr(!) üblich, sind es seit den 2000ern im Mittel 53(!). Eine Auswertung zeigt einen signifikanten Anstieg mit einem linearen Trend von ca. 2 Tage pro Dekade.
Heiße Tage, also Tage mit einer maximalen Temperatur über 30°C,nehmen ebenfalls kontinuierlich zu. In Potsdam gab es bis 1950 im Mittel etwa 7 heiße Tage pro Jahr. Seit den 2000ern sind es im Mittel bereits 14, sie haben sich also verdoppelt.
Sehr heiße Tage, also Tage mit einer maximalen Temperatur über 35°C, nehmen auch signifikant zu. Bis 1950 gab es in Potsdam im Mittel etwa 0,3 pro Jahr. Ab den 2000ern sind es im Mittel 1,5 Tage, also ist es mittlerweile sehr wahrscheinlich, dass es einmal im Jahr über 35°C in Potsdam geben wird.
Ein Trend bei extrem heißen Tagen, also Tage mit über 40°C, ist noch nicht signifikant, was aber nicht verwunderlich ist, denn es gab bisher noch keinen. Aber es gibt ihn jetzt und anhand von Klimaprojektionen ist auch erwartbar, dass diese in Zukunft häufiger auftreten werden.
Es ist also wahrlich nicht mehr wie früher, schon gar nicht wie in den 1950ern oder 1970ern. Das Klima hat sich verändert. Die Tage werden wärmer und heißer. Rudi Carell hatte einmal gesungen „Wann wirds mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer wie er früher einmal war?“ Diese Sommer wird es in naher und ferner Zukunft erst mal nicht mehr geben.
Und nein Temperaturen um oder über 40°C sind kein tolles Sommerwetter. Es ist Extremwetter. Und wie jedes Extremwetter bedeutet es Gefahr für Leib und Leben. Hitze tötet.