Auf ins Olympiastadion?!

Es klingt ja erstmal spannend, neu und innovativ. Eine riesige Veranstaltung im Berliner Olympiastadion für das Klima im Stile von “Live Aid”. Es klingt schön, aber es hat auch ein paar Kritikpunkte.

Kritikpunkt 1)

Verstecktes Marketing. Initiator ist das Start-Up einhorn. Es ist gut, wenn sich Unternehmen für Umwelt- und Klimaschutz engagieren. Aber wenn man Transparenz fordert, sollte man sich gründlichst überlegen, ob es sinnvoll ist, wenn ein einzelnes Unternehmen als Ausrichter eines eigentlich demokratischen Prozesses dienen soll. Sonst wird hier schnell der Vorwurf des Ausnutzens des eigentlichen Anliegens, dem des Klimaschutzes, zur Kommerzialisierung eines Produktes in den Vordergrund treten. Ein Event zur Selbstdarstellung eines Unternehmens? Ein Vorwurf, dem sich am “Live Aid” teilnehmende Künstler auch ausgesetzt sahen. Dann wird das Hauptthema der mögliche PR-Coup von einhorn sein und nicht mehr das eigentliche Thema: der Klimaschutz. Sicherlich wäre es mit einem kleineren Gschmäckle verbunden gewesen, wenn sich ein unabhängiges organisatorisches Team gefunden hätte und offen für weitere Sponsoren geworben hätte. Wenn denn Firmen als Sponsoren überhaupt erwünscht gewesen wären. Denn die Idee des Crowdfundings benötigt eigentlich überhaupt keine Firma die im Vordergrund steht. Zwar beteuert einhorn man könne viel einfacher PR erzeugen als über die Veranstaltung im Olympiastadion, aber der Vorwurf wird hängen bleiben. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen wenn man nicht als Firma Initiator gewesen wäre, sondern als Privatpersonen aufgetreten wäre.


Kritikpunkt 2)

Kostenfaktor. Der Eintritt zu diesem Ereignis soll rund 30€ kosten. Die muss man haben oder hat sie eben nicht. Es werden zwar Tickets angeboten, die man für andere kaufen kann. Diese werden dann an andere verlost, die sich diese Tickets nicht leisten können. Die Frage, die sich stellt wie sieht das Losverfahren aus und wie wird geprüft, ob jemand sich das Ticket wirklich nicht leisten konnte. Da wäre wahrscheinlich die Frage zu stellen, ab wieviel Gehalt, Vermögen etc. kann man es sich wirklich nicht leisten? Also eine Art Bedürftigkeitsprüfung. Klar muss man da auch die Ehrlichkeit der Bewerber hoffen, aber keine Offenheit wie es geprüft werden soll. In einem Statement wird nur darauf verwiesen, man erarbeite das noch. Es wäre transparenter es schon vorher zu wissen.
Aber auch das erscheint nicht ganz zu Ende gedacht. Denn es entstehen ja nicht nur die Kosten für die Tickets. Anreisen muss man ja auch, gegebenenfalls übernachten. All das sind extra Kosten. Klar kann man sich absprechen, sein Sofa anbieten usw. Aber nicht jeder möchte das eventuell in Betracht ziehen. Daher wird man mindestens für die Anreise und die Verpflegung Kosten haben.
Klar kostet eine Veranstaltung etwas (Stadionmiete, Sicherheit usw.), aber im Fokus soll hier ja ein demokratischer Prozess (Petition) stehen und der wiederum sollte prinzipiell für jeden kostenlos zugänglich sein.
Natürlich mag man zu Recht dagegen argumentieren eine Online Petition stehe ja auch länger zur Verfügung. Das gilt aber eben auch für jede andere Petitionen, die nicht auf einem Event live eingereicht werden.

Kritikpunkt 3)

Was soll am Ende dabei rausspringen? Die Weltrettung? Das verspricht zumindest das Werbevideo zum Event. Man unterschreibt nur eine Petition und bäm gibt es eine Lösung für den Klimaschutz. Im Video heißt es, wie bei der Mehrwertsteuersenkung für Periodenprodukte. Hier wird angenommen, man müsse nur tätig werden und schwupps führt eine Petition zu einem Erfolg. Aber dem muss nicht so sein. Dass die Senkung der Mehrwertsteuer auf Periodenprodukte erfolgreich war, hängt wahrscheinlich nicht nur mit der Petition zusammen, sondern auch mit einer sich geänderten Gesellschaft diesbezüglich. Man kann ruhig seine eigene Mutter mal fragen, ob ihr das Problem nicht auch schon früher bekannt war und es ungerecht fand, aber kein Gehör fand. 
Zwar rudert einhorn auch etwas in seiner Stellungnahme zurück, man wolle Prozesse anstoßen, aber das Problem ist nicht erst seit heute bekannt. Eine Petition wird auch nicht einen sofortigen CO2-Preis oder Klimaneutralität herbeizaubern. Eine Bundestagspetition bewirkt nur, dass sich der Petitionsausschuss damit beschäftigt, sowie das zuständige Ministerium und am Ende eventuell die Bundesregierung. Die eine Petition aber auch mit einer Erklärung abschließen kann, wobei genauso so viel passiert: nichts.
Das ist doch momentan die größte Frage am Projekt der großen Bürgerversammlung. Was springt dabei am Ende raus? Ist es nur ein Marketinggag von Einhorn? Das wird ja verneint, könnte aber haften bleiben. Oder wird vielleicht am Ende doch mehr rausspringen? Es mag ein Zeichen setzen, ein kleines oder größeres. Vermutlich eher kleineres, weil es aus den oben genannten Gründen vielleicht doch eher wie ein elitäres Projekt anmuten könnte. Ein Projekt, dass die breite Mehrheit nicht erreicht, sondern nur eine kleine Schicht erfasst. Das ist aber auch das generelle Problem an der Lösung der Klimafrage. Es müssen alle mitgenommen werden, sonst wird es nicht wirklich funktionieren. Oder wird die Aktion einfach in Aktionismus enden? Also etwas mit einem schönen Gefühl man habe etwas getan, aber nicht wirklich getan?
Momentan sieht ist noch nicht so aus, als würde daraus etwas werden. 10 Tage läuft das Funding noch und noch nicht mal die Hälfte des Ziels ist erreicht. 


Kritikpunkt 4)

Was passiert wenn das Crowdfunding nicht zustande kommt? Klar bekommen die Leute, die Geld investiert haben, ihr Geld wieder zurück. Aber darum soll es hier nicht gehen. Was passiert danach? Passiert nichts? Also ja war ein Versuch wert, aber wir sind halt gescheitert? Oder wird ein neuer anderer Versuch angegangen? Klar ist es jetzt, da das Funding noch nicht mal abgeschlossen ist, etwas früh darüber zu sprechen. Aber interessant wäre es schon zu wissen, was passieren würde. Wird eine Aufarbeitung stattfinden? Darf man eigentlich davon ausgehen. Wird versucht aus den vergangenen Fehlern zu lernen? Kann man nur hoffen.


Kritikpunkt 5)

Der Standort. Das Olympiastadion wurde aufgrundseiner Nazivergangenheit kritisiert. Mit Emotionalisierung wurde geworben. Kritisiert wurde dies an diesem Ort zu machen, gerade wegen der Bedeutung des Ortes im Nationalsozialismus. Natürlich kann man das so sehen, aber man kann es auch Umdeuten und anders sehen. Auch als ein Ort der Wandlung Deutschlands. Ein Ort der Bedeutung für eine Diktatur hatte, wird nun für demokratische Prozesse verwendet. Deutschland hat sich grundlegend verändert. Denn würde man diesem Argument folgen, müsste man grundlegend darüber nachdenken, ob Sportveranstaltungen im Olympiastadion aufgrund der NS-Vergangenheit nicht zu überdenken sei.
Allerdings muss man sich natürlich bewusst sein, dass Leugner des menschengemachten Klimawandels genau dies zu Nutze machen werden. Auf die Art und Weise wie beworben wird, ein emotionales Event im Olympiastadion zu veranstalten, ist für die ein gefundenes Fressen. Es ist nicht auszuschließen, dass dies mit der Olympiade 1936 verglichen wird und anderen Aufmärschen des Nationalsozialismus. Der Wegbereiter in die Ökodiktatur quasi. Von daher wäre ein Ausweichen auf das Tempelhofer Feld, was zwar nicht weiter in Betracht gezogen wird, aufgrund der Nazivergangenheit auch nicht besser. Allerdings wird in der Stellungnahme auf eine mögliche Parallelveranstaltung hingewiesen mit Live-Übertragung. Eigentlich auch ein gefundenes Fressen für die Gegner, die in Fridays For Future eine aufstrebende Ökodiktatur sehen.


Kritikpunkt 6)

Ist es überhaupt demokratisch? Prinzipiell ist ja nichts an Bürgerbeteiligung einzuwenden - ganz im Gegenteil. Aber das Ereignis an für sich ist keine demokratische Handlung. Auch wenn einhorn mittlerweile zurück gerudert ist und es auch nicht mehr Bürgerversammlung nennen möchte, sollen weiterhin Petitionen eingereicht werden. Also soll prinzipiell dennoch ein demokratischer Akt vollzogen werden. Es sollen Petitionen online live eingereicht werden, über welche vor Einreichung noch abgestimmt werden sollen. Also wird mit mit einem Versprechen gelockt etwas demokratisches zu tun, aber man hat zuvor überhaupt keine Ahnung worüber abgestimmt werden soll, noch wofür man später seine Unterschrift geben soll.

Eine Petition läuft erfahrungsgemäß länger als nur an einem Tag. Damit kann man sich Gedanken zur Petition machen und diese dann unterschreiben. Wenn man denn möchte.  Es findet also ein Gedankenprozess statt, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und dann erst eine Entscheidung zu treffen. Das Event soll emotionalisieren und dann gemeinsam Petitionen einzubringen. Bestenfalls sollen diese dann auch gleich unterschrieben werden. Hier sind wir aber wieder unter dem Druck der Gruppe. Was wenn man die gerade vereinbarte Petition nicht unterschreiben möchte? Das Kalkül der Veranstalter scheint ja zu sein, das Minimumquorum einer Bundestagspetition zu erfüllen: 50000. Deswegen sollen am besten mehr als 60000 Menschen ins Stadion kommen. Also geht man davon aus, alle unterschreiben jede Petition, um gleich das Quorum zu erreichen. Von außen betrachtet erscheint dies eher undemokratisch, weil man scheinbar nicht die Wahl hat sie nicht zu unterschreiben.

So lässt man normalerweise denen, die eine Petition unterschreiben wollen oder eben nicht, genügend Zeit für eine Entscheidung. Das kann man den Veranstaltern auch in gewisser Weise vorhalten. Erzeugt ein derartiges Gruppenevent nicht etwa auch Druck auf jeden Einzelnen unbedingt die Petition zu unterschreiben? Dies soll kein Plädoyer gegen Klimaschutz sein, aber wenn man sich für den Klimaschutz einsetzen möchte, muss man dennoch nicht alles gleich unterschreiben, was einem (unter Gruppendruck) vorgelegt wird. Dies soll nicht gleichbedeutend damit sein, dass hier den Organisatoren ein “Du musst unterschreiben” unterstellt wird, sondern eher ein “Du wirst wahrscheinlich eher unterschreiben, weil du unter einem Gruppendruck stehst”. Es wäre vollkommen in Ordnung die Petitionen einzureichen und jedem dann genügend Zeit zu lassen zu überdenken, ob er diese unterschreiben möchte. Ganz ohne Gruppendruck. Wenn man vorher eh nicht weiß, welche Petition eingereicht werden soll, wäre dies mehr als fair.

Das heißt im Prinzip fälle der durchaus wichtige Prozess des sich Gedanken machens aus. Weiter ist es dennoch fragwürdig, dass man für einen demokratischen Prozess Geld bezahlen soll. Und es den Anschein hat, ein elitäres Happening mit einem Hauch einer großen PR-Masche zu sein.
Weiter wird es sehr schwierig sein bei geplanten 60.000 bis maximal 90.000 anwesenden Personen vor Ort Entscheidungen zu treffen. Finden, wenn auch live übertragen, Nebengespräche statt die zu einer Petition führen werden? Wird dann abgestimmt? Also abgestimmt, ob diese Petition so eingereicht wird? Oder hat jeder ein Rederecht? Und wenn ja, wie sieht das aus? Je mehr ein Rederecht haben werden, desto schwerer wird es in der Zeit einen Konsens zu erreichen. Würde man die Parallele zu Parteitagen ziehen, so würde das so aussehen als würden sich alle Mitglieder einer Partei treffen und über ihr Parteiprogramm debattieren - an einem Ort. Allerdings läuft ein Parteitag anders ab. Gewählte Delegierte stimmen über Anträge ab, die zuvor in einem Antragsbuch zusammengestellt wurden. Also viel Arbeit schon im Vorfeld. Hier sollen Experten und Aktivisten eine Petition formulieren und dabei sollen sie gefeiert werden. Also wird es eher eine Podiumsdiskussion oder ähnliches und die die für die Veranstaltung ihr Geld bezahlen, haben kein aktives Diskussionsrecht? Laut Beschreibungstext auf startnext.com soll man im Vorfeld Ideen zu Petitionen einschicken. Wie aber die Vorschläge ausgewählt werden bzw. bearbeitet werden. Keine Information.
Eigentlich wirkt das ganze Konzept wie gut gewollt, aber nicht richtig durchdacht. Ob es nachhaltig auf die Bewegung sein wird, wird sich zeigen. Denn ein Jahr lang durchzuhalten ist enorm, aber noch schwieriger es weiterhin motiviert durchzuhalten. Daher ist ein Motivationsschub wichtig. Aber mit so einem Happening? Vielleicht hätte man sich ernsthaft überlegen sollen einen anderen Weg zu gehen. Einen ernsteren, vielleicht auch nachhaltigeren Weg. Den in eine Partei. Es steht ja außer Frage eine Partei zu gründen, deren Forderungen noch stärker sind als die der Grünen. Dem spricht ja auch nichts dagegen und würde, je nach Zulauf für die Partei, den Diskurs politisch in eine andere Richtung verschieben.
Den Betreibern, aber auch der Fridays for Future und Scientist for Future Bewegung sollte klar sein: Menschen wollen abgeholt werden. Demokratie findet vor der Haustüre statt, nicht in einem Stadium.

 

 Link zu Startnext.com: https://www.startnext.com/12062020

Statement der Initiatoren: https://medium.com/@12062020olympia/eine-replik-e83975295f92

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