Zerstörer der Welten

45 Sekunden. Es ist die Zeit, die die Atombombe „Little Boy“ am 6. August 1945 braucht, um von einem Flugzeug ausgeklingt zu werden und letztendlich über der Stadt Hiroshima zu detonieren. 45 Sekunden nach dem Ausklingen und der Detonation sind 70.000 Menschen sofort tot.
Man könnte es eigentlich schon fast Ironie des Schicksals nennen, dass mitunter ein Pazifist der Hauptantreiber für den Bau der ersten Atombombe ist. Die Rede ist von Albert Einstein. Der jüdische Wissenschaftler, der Deutschland 1933 verlassen hatte, ist dem Pazifismus verschrieben. In den USA verfolgt er die rasante Entwicklung der Atomphysik nur am Rande. Doch als der Wissenschaftler Leó Szilárd im berichtete, dass es nicht mehr lange dauern würde, um eine nukleare Kettenreaktion herbeizuführen ist Einstein sofort bewusst, welche Tragweite das haben könnte und setzte zusammen mit Leó Szilárd einen Brief für die höchste Ebene auf. In diesem heißt es, dass in absehbarer Zeit Uran als neue wichtige Energiequelle zählen könnte. Darüber hinaus könnte damit aber auch Bomben gebaut werden, die eine nie zuvor bekannte Zerstörungskraft besitzen. Einstein vermutete, dass das Regime und die Forscher in Deutschland alles daran setzen würden die Bombe zu bauen und dies natürlich einsetzen würden. Nach Erhalt des Briefes setzte US-Präsident Roosevelt zwar eine Kommission ein, allerdings verfügte diese nur über geringe Mittel und erreichte nur wenig.
Als Szilárd auf einen zweiten Brief drängte schrieb Einstein erneut an den US-Präsidenten. Darin warnte er im März 1940 vor dem erhöhten Interesse Deutschlands an Uran. Zudem werden die Forschungen in größerer Verschwiegenheit fortgeführt. Dies sei wohl ein Zeichen dafür, dass vehement an der Bombe gebaut wird. Es ist interessant, dass ein Pazifist sich so vehement für eine derartige zerstörerische Waffe einsetzt, aber es scheint, als sei Einstein gegen die Nazis jedes Mittel recht gewesen, sogar die Atombombe selbst.
Bis das gigantische Projekt in Amerika allerdings anlief verging nochmal ein gutes Jahr. Als das Großprojekt allerdings anlief, legte man ein Tempo an den Tag, das seines gleichen suchte. Dies lag allen voran auch an Oberst Leslie Groves. Im September 1942 wollte er sich für ein Kommando in Übersee entscheiden und wollte raus aus der Hauptstadt. Allerdings bekommt er das Angebot ein Geheimprojekt zu leiten, dass wenn er es richtig angehe den Krieg entscheiden würde. Groves ist zunächst unzufrieden damit, hält sich aber für einen guten Soldaten und gehorcht. Fortan bekommt er die Leitung über das geheime Entwicklungsprojekt überstellt, welches, nach seinem ersten Standort in New York Manhatten-Projekt genannt wird. Aus dem kleinen Standort in New York wird schnell ein großes Unternehmen, welches die Gefahr birgt, dass sich eine gewisse Eigendynamik entwickelt.
Der Atomphysiker Niels Bohr prophezeit dass um eine ausreichende Menge des waffenfähigen Uran 235 zu erreichen nur dann möglich wäre, wenn man das ganze Land in eine Fabrik verwandeln würde. Und genau das tat Groves und er ist ein Mann der nicht lange fackelt. Gleich an seinem ersten Arbeitstag ordert er 1130 Tonen Uranoxid aus Belgisch-Kongo, am zweiten Tag kauft er ein großes Landstück in Oak Ridge, Tennessee. Fabriken werden unter dem Zeitdruck sofort gebaut, obwohl noch völlig unklar ist, wie die Bombe letztendlich aussehen wird, oder ob sie überhaupt funktionieren wird. Planerisch ist dies für ein Großprojekt ein Ding der Unmöglichkeit und sollte eigentlich vermieden werden, da völlig neue und ungetestete Verfahren angewandt werden sollen. Grooves geht die Sache daher teilweise eher pragmatisch an. Für die Herstellung des Bombenstoffs gibt es mehrere Verfahren, die alle aber noch weitestgehend ungetestet sind. Daher lässt Groves einfach alle in großindustriellem Maßstab anwenden. Bis zum Ende des Krieges wird Groves 2 Milliarden Dollar für das Manhatten Projekt ausgegeben haben. Auf heute umgerechnet eine Summe von 26 Milliarden Dollar.
Vier Wochen nach seinem Amtsantritt macht Leslie Groves Robert Oppenheimer zum wissenschaftlichen Leiter des Manhattan Projekts. Die Spionageabwehr ist entsetzt davon und sieht in Oppenheimer ein Sicherheitsrisiko. Gerade er, der Marx gelesen hat und nach eigener Aussage eher im linksgerichtetem Kreise verkehrt. Viele seiner näheren Verwandten und Freunde waren in der kommunistischen Partei. Zudem war er Theoretiker und viele der Wissenschaftler fragten sich, warum ein Theoretiker, der keine Erfahrung im Leiten großer Gruppen hat, ein Labor leiten sollte, dass sich hauptsächlich mit experimentellen und technischen Fragestellungen beschäftigt? Fast schwerer wiegt aber, dass Oppenheimer selbst kein Nobelpreisträger ist, seine Projektleiter allerdings sind es. Würden sie ihn überhaupt respektieren?
Dennoch wird sich das Team aus Oppenheimer und Groves als funktionierendes Gespann herausstellen, auch wenn sie Meinungsverschiedenheiten haben. Groves möchte die geschwätzigen Wissenschaftler so gut wie möglich voneinander trennen, um höchste Geheimhaltung zu erreichen. Oppenheimer hält dagegen, dass nur der offene wissenschaftliche Diskur Erfolg bringe und dies könne nur in einem zentralem Labor der Fall sein. Letztendlich kann er sich gegen Groves durchsetzen, dieser stellt allerdings die Bedingung, dass das neue Labor weit weg von jeglicher menschlichen Ansiedlung aufgebaut wird. Unter diesem Sicherheitsaspekt wird 60 Kilometer nordwestlich von Santa Fe mitten im Nirgendwo eine Einrichtung gebaut, die zum Herzstück des Manhattan-Projekts, der Standort Y wird: das geheime Atombomenlabor Los Alamos.
Es zeigt sich nun, dass Groves richtig mit seiner Entscheidung lag Oppenheimer als wissenschaftlichen Leiter einzustellen, denn dieser scheint eine besondere Wirkung auf die Menschen zu haben, auch auf die Wissenschaftler. Als er durch das Land fährt, um diese zu rekrutieren, scheint es zunächst für angeworbenen Wissenschaftler unattraktiv mit Familie in die Einöde zu ziehen, dazu noch unter militärischen Vorzeichen und völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Dennoch kann der wissenschaftliche Leiter des Manhattan Projekts fast alle davon überzeugen und es findet sich eine geballte wissenschaftliche Intelligenz in Los Alamos ein.
Waren die Deutschen wirklich schon so weit, womit die Amerikaner ihre großen Anstrengungen begründeten, um den Vorsprung der Deutschen aufzuholen und dem Bau einer deutschen Bombe zuvor zu kommen? Als Otto Hahn 1938 mit Fritz Straßmann zusammen die Kettenreaktion entdeckten dachten die beiden Deutschen sicherlich noch nicht an den Bau einer Bombe. Allerdings hatten sie dadurch einen Vorsprung vor den Amerikanern erworben. Und schon im März 1939 wurde den Physikern klar, dass sie damit auch eine Bombe mit verheerenden Auswirkungen bauen könnten. Ende April wird der sogenannte Uranverein gegründet, in dem führende deutsche Kernphysiker sich zu einem Gremium zusammen schlossen. Das Ziel ist die Herstellung eines Kernreaktors. Allerdings wird auch eine neue Kernforschungsabteilung des Heereswaffenamtes gebildet. Hier ist das Ziel die Entwicklung einer Atombombe.
Der Kriegsausbruch beschleunigt die Pläne zur Entwicklung einer militärischen Nutzung der Atomenergie. Die Erfolge der Wehrmacht ermöglichen zudem den Zugang zu Ressourcen, die dringend für Entwicklung notwendig sind. Aus Belgien wurden 3500 Tonnen Uranerz, das in Belgisch-Kongo abgebaut wurde, beschafft. Mit der Besetzung Norwegens fällt den Deutschen die einzige Fabrik für schweres Wasser in die Hände. Erste Erfolge werden 1941 sichtbar. Carl Friedrich von Weizsäcker meldete im Frühjahr 1941 ein geheimes Patent für den Bau einer Plutoniumbombe an. Es gab zwar noch keine technische Umsetzung, aber die erschien machbar. Viel rätselhafter ist der Besuch von Heisenberg und Weizsäcker im September 1941 bei Niels Bohr, ihrem akademischen Lehrer. Über das entscheidende Gespräch, das nur zwischen Bohr und Heisenberg stattfand, gibt es sehr widersprüchliche Aussagen. Der deutsche Physiker soll seinem dänischen Kollegen ein Art Stillhalteabkommen angeboten haben. Niemand soll sich während des Krieges an der Entwicklung einer „Uranbombe“ beteiligen. Heisenberg waren die guten Kontakte Bohrs zu den Amerikanern bekannt, sowie dem Fakt, dass die Amerikaner am Bau einer Bombe arbeiteten. Der Däne sah diese Geste eher als Drohung, dass die Deutschen gewillt seien die Bombe zu bauen und konnte sich später nicht an einen Appell Heisenbergs erinnern. Offenbar wollten die beiden deutschen Physiker die amerikanischen Kollegen von einem atomaren Wettrüsten abhalten, wobei unklar bleibt, welche Gegenleistung sie anbieten hätten können. Ein ernsthafter Stopp deutscher Bombenforschung? Nach dem Krieg war immer wieder davon die Rede, wie schrecklich ein Sieg des Nationalsozialismus sei, aber ob Heisenberg diese Skrupel schon vor 1945 geplagt haben ist durch kein Dokument zweifelsfrei zu klären. Klar ist allerdings, dass ihnen zum Zeitpunkt der Reise zu Bohr schon bewusst war, welch enorme Ressourcen ein Atombombenbau verschlingen würde. Aber anders als ihre amerikanischen Kollegen verhielten sich die deutschen Physiker eher etwas dilettantisch bei der Akquirierung neuer Mittel. Klar kam erschwerend hinzu, dass nach dem Beginn des Krieges die deutsche Kriegswirtschaft viel mehr Projekte priorisierte, die einer schnellen Aufrüstung dienten, aber Heisenberg und Co. waren zudem schlechte Verhandlungsführer für ihre eigene Sache. Während einem Treffen im Juni 1942 wurde Heisenberg von Albert Speer gefragt wie man mit den bisherigen Erkenntnissen eine Bombe bauen könne. Im Prinzip wisse man wie das gehe, aber man bräuchte noch zwei Jahre. Und als Speer nach der dafür nötigen Summe fragte, nannte Weizsäcker eine Summe von 43.000 Reichsmark. Speer hatte im Hinterkopf eher an eine Summe von 100 Millionen Reichsmark gedacht. Weder Heisenberg noch Weizsäcker schienen der Aufgabe eines derartigen Forschungsprojektes gewachsen.
Geprägt wurde die Forschung auch von Heisenbergs Starrsinn und konzeptuellen Irrwegen. Vorgeschlagene Konzepte anderer Kollegen, die sich später als richtig oder einfacher heraus stellen sollten, wurden von Heisenberg oft nicht oder erst zu spät angenommen. In den letzten beiden Kriegsjahren arbeitete Heisenberg nur noch am Bau eines Forschungsreaktors. Erst noch in Berlin, später nach der Evakuierung seines Instituts im schwäbischen Haigerloch. Nur knapp erreichte er eine Kettenreaktion, aber dann war die Forschung auch vorbei, als amerikanische Soldaten der Mission „Alsos“ vor der Tür standen. Ziel dieser Einheit war es deutsche Atomtechnologie und Atomphysiker vor den Sowjets zu erreichen und Sicherheit zu bringen. Anschließend kamen Heisenberg und andere Kollegen, die in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerieten, nach Farm Hall, einem britischen Landsitz. Vielleicht kann man die Forschung an der deutschen Atombombe auch kurz zusammenfassen: Erst wollten und sollten sie die Bombe bauen, dann konnten sie es nicht und letztendlich wollten sie es nicht mehr.
Stoppte die deutsche Kapitulation das Manhattan Projekt? Schon vor der Kapitulation ließ die Dimension des Projekts erkennen, dass es hier nun nicht mehr darum ging den Deutschen mit einer Bombe zuvor zu kommen oder den Krieg zu verkürzen. Es zeichnete sich bereits ab, dass der Krieg in Europa bald zu Ende sein würde. Alle Anstrengungen deuteten darauf hin, dass Kernwaffen in Zukunft fester Bestandteil des amerikansichen Militärs werden sollte.
Etwa zehn Wochen nach der deutschen Kapitulation öffnet sich die Büchse der Pandorra. Am 16. Juli 1945 um 5 Uhr, 29 Minuten und 45 Sekunden detoniert die erste vom Menschen gebaute Atombombe. Ein greller Blitz, heller als die Sonne, leutete das Atomzeitalter ein. Die enorme Kraft der Bombe überstieg teilweise die Vorstellungen der Konstrukteure. Robert Oppenheimer wurde nach dem Krieg im Zusammenhang mit dem Trinity-Test folgendermaßen zitiert: “Ich bin der Tod, der Zerstörer der Welten.“ Für den Physiker Kenneth Bainbridge, Leiter des Trinity-Tests ist es „eine widerliche und Ehrfurcht gebietende Vorstellung“. Es ist klar, dass sich an diesem Tag die Welt veränderte. Bainbridge sagte auch noch zu Oppenheimer: „Jetzt sind wir alle Hundesöhne“.
Ein Offizier ging auf Grooves zu und meinte: „Der Krieg ist zu Ende.“ Doch dieser erwiedert: „Ja, nachdem wir zwei Bomben auf die Japaner abgeworfen haben.“
Am 17. Juli, ein Tag nach dem Test der Bombe, startet die Potsdamer Konferenz, auf der die die drei großen Siegermächte das weitere Vorgehen in Europa, aber auch im Krieg gegen Japan abstimmen sollten. Dort erfuhr der amerikanische Präsident Harry S. Truman vom erfolgreichen Test, der alle Erwartungen übertroffen hatte. Dadurch war der Einsatz eigentlich schon besiegelt. Schnell sollten die Kampfhandlungen beendet und hohe Verluste bei der Eroberung der Inseln vermieden werden. Viel wichtiger vielleicht, Truman wollte Stalin nicht am Siegertisch im japanischen Krieg haben, denn zunächst sollte der sowjetische Führer auf der Potsdamer Konferenz umgestimmt werden, um in den Krieg im Pazifik einzutreten, da sie noch einen Neutralitätspakt mit den Japanern hatten. Für einen Sieg schien die erneute Allianz mit den Russen unabdingbar. Die Fertigstellung der Atombombe kam da gerade gelegen, womit Truman sich erhoffte der alleinige Sieger im pazifischen Krieg zu sein. Dennoch notierte sich der Präsident: „Aber wir werfen die Bombe nicht auf Frauen und Kinder. Wir sind eine zivilisierte Nation.” Im Anbetracht einer zerstörerischen Waffe wie die Atombombe ist dies eher in den Bereich der Selbstbeschönigung zu schieben.
Die Auswirkungen der Bombe sollten eindeutig sichtbar sein, wodurch Ziele ausgewählt wurden, die bisher weitestgehend von den amerikanischen Bombenangriffen verschont wurden. Zudem sollten die Ziele eine markante Landmarke sein, um später die Auswirkungen besser abschätzen zu können. Außerdem sollte die jeweilige Metropole eine militärische Einrichtung beherbergen. Dies traf am Ende auf Hiroshima, Kokura, Niigata und Nagasaki zu.
Am 31. Juli ist die Bombe, die „Little Boy“ - kleiner Junge – genannt wird, auf der Insel Tinian klar zum Abwurf. Am 5. August erhält die Bombercrew den Einsatzbefehl und der Pilot pinselt noch schnell den Namen seiner Mutter auf den Bug des Flugzeugs, der „Enola Gay“. In der Nacht am 6. August 1945 um 2:45 Uhr Ortszeit startet die Crew zu ihrer Mission. Begleitet von zwei weiteren Flugzeug, einem Wissenschaftsflugzeug und einem Fotoflugzeug. Um 8:15 Uhr und 17 Sekunden wird „Little Boy“ aus ca. 10km Höhe abgeworfen und die Flugzeuge drehen scharf ab. Etwa 45 Sekunden später detoniert die Bombe in einer Höhe von ca. 600 Metern. Auf den gleißenden Lichtblitz folgt eine heftige Druckwelle.
Der Feuerball der bei der Explosion entstand hatte eine Innentemperatur von über einer Million Grad Celsius. Die Hitzewirkung ließ sogar noch Bäume in einer Entfernung von 10 Kilometern Feuer fangen. Der Blitz der Explosion war so energiereich, dass er Schattenrisse von Menschen in stehen gebliebene Häuserwände brannte, bevor sie von der Druckwelle fortgerissen wurden, oder durch die enorme Hitze einfach verdampft waren. An diesem Tag gab es kaum Schutz zu suchen. Die Druckwelle und der anschließende Feuersturm hatten über 80 Prozent der Innenstadt zerstört. Überlebenden wurden die Muster ihrer Kleidung auf die Haut gebrannt. Die Bombe tötete 70.000 bis 80.000 Menschen sofort. Kurz darauf folgte der radioaktive Niederschlag. Durch die Spätfolgen sterben weitere Menschen, schätzungsweise 90.000 bis 160.000. Dennoch sollte Japan nicht kapitulieren.
Drei Tage später am 9. August fällt die zweite Atombombe auf Japan, diesmal die Plutoniumbombe „Fat Man“ - Fetter Mann. Diesmal läuft die Mission nicht ganz so reibungslos wie die auf Hiroshima. Die Treibstoffpumpe des Zusatztankes des Bombers streikt, die Reparatur ist zu zeitaufwendig. Man entschied sich dennoch zu starten, denn der Treibstoff reichte, um die Bombe ins Ziel zu bringen, alles andere war zweitrangig. Auf dem Weg zwingt das Wetter die Maschinen höher zu fliegen als geplant. Plötzlich leuchten die Kontrolllampen für den Zündkreislauf der „Fat Man“ auf. Scheinbar hatte sich dieser selbst aktiviert und die Bombe galt nun als scharf, doch dieses Problem konnte behoben werden. Das Primärziel war eigentlich Kokura, Nagasaki war nur ein Ausweichziel. Der Anflug sollte nur per Sicht erfolgen, aber die Wolkendecke über Kokura verhinderte dies. Drei Versuche blieben erfolglos, worauf man sich entschied Nagasaki anzusteuern. Dort verhinderte das Wetter ebenfalls einen Anflug auf Sicht. Zwar war nur diese Option erlaubt, aber der Pilot entschied sich die Bombe mit Radaranflug abzuwerfen, da der Treibstoff mit Bombe nicht mehr ausreichte, um auf sicherem Territorium zu landen. Um 11:02 Uhr Ortszeit explodierte die Bombe in einer Höhe von etwa 500 Metern ca. drei Kilometer nordwestlich des geplanten Abwurfzieles. Wieder hatten die Menschen im unmittelbaren Umkreis keine Chance. Da die Bombe in einem Tal explodierte dämpften die umliegenden Berge die Auswirkungen auf die umliegende Stadt. 22.000 Menschen waren sofort tot. 39.000 Menschen starben in den folgenden vier Monaten. Andere Schätzungen gehen von 70.000 bis 80.000 Tote aus.
Am 15. September kapitulierte Japan bedingungslos. Der Krieg war vorbei und die Atombomben hatten den Sieg gebracht. Ist das wirklich so? Der Einsatz der schrecklichen Bomben wurde damit gerechtfertigt Leben zu schützen. Die Invasion der japanischen Inseln hätte tausende amerikanischen Soldaten das Leben gekostet, zudem sollte der Krieg verkürzt werden. So sagen es die Befürworter, aber war der Einsatz einer zweiten Bombe notwendig? Oder war gar der erste Einsatz unnötig? Die Propaganda in den USA hatte vor den Abwürfen noch vermeldet und gezeigt, dass Japan auf den Knien sei, ihre Flotte sei unfähig auszulaufen, ihre Flugzeuge könnten nicht fliegen, die Menschen würden hungern und so weiter. Nach dem Abwurf behauptete man genau das Gegenteil. Wahrscheinlich ist beides in gewisser Weise wahr, aber es zeigt auf der anderen Seite, wie man den Einsatz der Bombe rechtfertigen wollte.
Für Japan war die Sowjetunion ein Schlüssel für die Verhandlungen einer Kapitulation. Zwischen den beiden Staaten herrschte noch ein Neutralitätspakt und Japan fürchtete den Eintritt der Sowjetunion in den pazifischen Krieg. Vielmehr erhofften sie sich, dass Russland als Vermittler für die Verhandlungen über die Kapitulation fungieren könnte, um damit eine bessere Verhandlungsposition zu haben. Für die Japaner war es wichtig dass der Kaiser und das kaiserliche System unberührt bleiben sollte. Anlässlich der Potsdamer Konferenz wurden bezüglich Japan zwei Dinge in einem frühen Entwurf aufgenommen. Erstens der Eintritt Russlands in den pazifischen Krieg, womit sie Stalins Signatur gehabt hätte und zweitens den Erhalt des kaiserlichen Systems, auch wenn sie dazu die Kapitulation, eine demokratische Regierung und nicht mehr den Weltfrieden zu bedrohen akzeptieren mussten. Als die Potsdamer Erklärung letztendlich festgelegt wurde enthielt sie diese besagten Punkte nicht mehr. Man kann sich getrost fragen nach dem warum.
Wollte man eventuell die Bombe um jeden Preis einsetzen. Spekulierte man vielleicht sogar darauf, dass man mit Absicht nicht den Punkt in die Potsdamer Erklärung mit aufnahm, der Japan scheinbar so wichtig war, dem Erhalt ihrer Monarchie? Hoffte man darauf, dass Japan durch fehlen dieses Punktes noch nicht kapitulieren würde?
Der Abwurf der ersten Atombombe war natürlich eine außerordentliche Demonstration militärischer Macht. Allerdings war für die japanische Regierung Hiroshima nur eine weitere zerstörte Stadt. Weiterhin hoffte man auf die Sowjetunion. Die traten allerdings am 8. August in den Krieg im Pazifik mit ein und damit brach für Japan die letzte Hoffnung weg, Russland könne als Mediator für Kapitulationsverhandlungen fungieren.
Und die zweite Bombe? Warum gab es sie überhaupt? Es gab zwei Elemente die für den Bombenbau verwendet werden konnten Uranium 235 und Plutonium. Die Bombe mit ersterem Material war im Grund ein Selbstläufer, eine Bombe die zuvor nie getestet wurde. Aber der Abwurf über Hiroshima zeigte, dass dieses Prinzip funktionierte. Die zweite Art war aufwendiger und noch nicht getestet, zudem schien sie die Zukunft zu sein. Nach all den Anstrengungen des Manhattan-Projekts war dies wohl auch eine Entscheidung für den Einsatz der zweiten Bombe. Zudem ist es möglich, dass man nach Eintritt der Sowjetunion den Krieg noch schneller beenden wollte, bevor Russland beanspruchen könnte groß am Sieg im Pazifik beteiligt gewesen zu sein. Letztendlich gehen einige Historiker heutzutage davon aus, dass wohl der Eintritt Russlands in den pazifischen Krieg der ausschlagende Faktor für die Kapitulation der Japaner war und nicht der Einsatz der Atombomben.
Und was sagte Einstein nach dem Kriegsende? Er selbst fühlte sich mitschuldig am Bau und Einsatz der Atombombe, vor allem nach der Kapitulation Deutschland, das einzige Land das er für den Einsatz der Bombe gebilligt hätte. 1947 erklärte er im Magazin Newsweek: “Wenn ich gewusst hätte, dass es den Deutschen nicht gelingen würde, die Atombombe zu konstruieren, hätte ich mich von allem ferngehalten.” Und noch kurz vor seinem Tod 1955 sagte er: Ich denke, ich habe einen Fehler in meinem Leben gemacht, jenen Brief unterschrieben zu haben.”
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade ein Pazifist sich für den Bau der Atombombe eingesetzt hatte, genauso ist es Ironie der Geschichte, dass gerade eine Demokratie den Einsatz der Bombe gleich zwei mal bewilligt hatte. Man hätte eher vermutet, dass ein Regime wie Nazideutschland skrupellos genug gewesen wäre gegen unschuldige Menschen eine derartige Vernichtungswaffe einzusetzen, aber nicht gerade von einer Demokratie wie den USA.
 
Quellen: Der Spiegel – Geschichte 4 (2015)
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